Daisy : Züge blieben im Schnee stecken

Eingeschneite Autofahrer, abgeschnittene Gemeinden, Sturmflut an der Ostsee. Auch wenn Daisy nicht so heftig eintraf wie erwartet, macht sie den Menschen in Deutschland das Leben schwer. Zwei Züge blieben im Schnee stecken. In Mecklenburg-Vorpommern fällt am Montag die Schule aus.

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Am Montag fällt in allen Schulen des Landes Mecklenburg-Vorpommern der Unterricht aus. Davon sind sowohl die allgemeinbildenden als auch die beruflichen Schulen betroffen. Das teilte das Innenministerium in Schwerin mit. Vor allem die Sicherheit der Schulbusse könne nicht mehr gewährleistet werden.

Auch die Deutsche Bahn hat es eiskalt erwischt. Besonders in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein waren nach Bahnangaben am Sonntag mehrere Strecken gesperrt. Betroffen waren auch die ICE-Linie Hamburg-Puttgarden-Kopenhagen sowie die IC-Linie Stralsund-Berlin. Teilweise wurden die Züge großräumig umgeleitet. Dies führte auch zu Störungen im weiteren Verlauf der Stralsunder IC-Züge nach Prag beziehungsweise Düsseldorf. Der Schwerpunkt der Behinderungen lag am Sonntag im Nordosten Deutschlands, während sich im Süden und Westen die Lage nach Auskunft eines Bahnsprechers am Sonntag wieder entspannte. Generell gab es aber weiterhin zahlreiche Verspätungen, teilweise von mehr als einer Stunde.

Mehr als 40 Reisende wurden seit Samstagabend zwischen Stralsund und Anklam aus zwei Zügen gerettet, die sich in Schneewehen festgefahren hatten. Beide Züge blieben stehen und sollen später geborgen werden, meldet der Fernsehsender n-tv auf seiner Internetseite. Die letzten 14 Reisenden saßen am Morgen noch in einem Personenzug zwischen Ducherow und Anklam fest. Die Feuerwehr und ein Schneepflug der Deutschen Bahn bargen die frierenden Menschen.

Daisy
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1 von 32Foto: dpa
09.01.2010 15:1211.01.2010: Tief "Daisy" hat die Schneedecke in Deutschland teilweise deutlich anwachsen lassen. Nicht nur in den Alpen und den...


Gesperrt waren in Mecklenburg-Vorpommern mehrere Regionalstrecken der Region Stralsund und bei Greifswald sowie auf den Ostseeinseln Rügen und Usedom. In Schleswig-Holstein waren am Sonntagvormittag die Strecken zwischen Kiel und Flensburg sowie zwischen Neustadt (Holstein) und Puttgarden auf Fehmarn gesperrt, weitere Verbindungen waren zum Teil stark beeinträchtigt. Viele Züge fielen aus. Auch mehrere Fährverbindungen waren unterbrochen oder beeinträchtigt, darunter die Fehmarnbeltfähre von Puttgarden ins dänische Rödby sowie die Elbfähre bei Glückstadt.

Auch am Sonntag gab es in Berlin und Brandenburg noch Störungen, aber in geringerem Umfang. In West- und Süddeutschland reduzierten sich nach Auskunft eines Bahnsprechers am Sonntag die Verspätungen deutlich. Die Bahn verlegte demnach Räumgeräte und Ersatzloks in die neuen Schwerpunktregionen der Störungen nach Norddeutschland. Auf allen Fernverkehrsstrecken außer den genannten Strecken im Norden lief der Verkehr demnach weitgehend wieder nach Fahrplan oder mit „überschaubaren Verspätungen“.Die Autofahrt von Putbus nach Binz auf der Insel Rügen endete am Sonntagmorgen auf halber Strecke in einer meterhohen Schneewehe. Eben noch war die Straße fast trocken und gut befahrbar gewesen, bevor dichtes Schneetreiben die Sicht nahm. Hinter dem Wald wirbelte kräftiger Sturm den Schnee aus der Nacht zu einer regelrechten Nebelwand auf. In ihr verschwanden nicht nur die Fahrspur, sondern auch alle Begrenzungspfosten und selbst die Straßenbäume.

Autofahren ein Abenteuer

Das Auto hing fest und erst beim Aussteigen wurde das ganze Dilemma sichtbar. Mehrere Autos standen quer zur Fahrbahn und waren bis zu den Autoscheiben zugeschneit. Von den Insassen gab es keine Spur. „Die haben sich ins Warme geflüchtet“, rief plötzlich eine Stimme aus dem Nebel. „Ich passe nur auf.“ Der Mann stammte aus Erfurt und befand sich auf dem Weg aus dem Wochenendurlaub zurück aufs Festland.

Tausendfach spielten sich diese Szenen in der Nacht zum Sonntag und den ganzen gestrigen Tag in Mecklenburg-Vorpommern ab. Von „meterhohen Schneewänden“ sprachen Autofahrer in Boltenhagen und aus Neubrandenburg. Ganz schlimm traf es die Autobahn A 20 zwischen den nordöstlichen Brandenburger Landesgrenze und Stralsund.

„Wir mussten mehrere Abschnitte komplett sperren“, sagte ein Polizeisprecher. Nördlich der Anschlussstelle Süderholz seien nach Schneeverwehungen mehrere Hundert Autofahrer steckengeblieben. „Notdienste konnten sich nur mit viel Mühe einen Weg zu den Fahrzeugen bahnen.“ So konnten die rund 170 Betroffenen erst nach sieben Stunden vom Technischen Hilfswerk versorgt werden. Sie wurden in Jarmen und Gützkow untergebracht. Den Angaben zufolge steckten auf der Autobahn 50 Autos, 12 bis 20 Lastwagen und ein Reisebus fest. Querstehende Lastwagen blockierten nach Angaben der Polizei in der Nacht die Fahrbahn, die auf einer Länge von 22 Kilometern in beide Richtungen vorübergehend gesperrt wurde. Bei einem witterungsbedingten Unfall in der Nähe der Ortschaft Glewitz in Ostvorpommern kamen zwei Männer ums Leben, als ihr Auto auf spiegelglatter Straße gegen Straßenbäume schleuderte.

Nachmittags noch keine Besserung in Sicht

Auch am späten Sonntagnachmittag war die Ostseeautobahn A 20 in der Nähe von Greifswald wegen Verwehungen abschnittsweise gesperrt. Räumfahrzeuge kamen nicht voran, weil hunderte Autos eingeschneit festsaßen und die ohnehin schmale Gasse zwischen den bis zu zwei Meter hohen Schneewänden blockierten. Manche Autofahrer waren die ganze Nacht über in ihren Autos gefangen. Andere suchten Hilfe in Häusern entlang der Autobahn oder fanden Platz in Pensionen. „Die Hilfsbereitschaft ist wirklich groß“, sagte ein Sprecher des Katastrophenstabs in Ostvorpommern. So hatte der Winter die Weiterfahrt eines polnischen Ehepaars mit einem neun Monate alten Säugling gestoppt. Sie fand eine spontane Unterkunft bei einem Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr.

In den Notunterkünften erhielten die gestrandeten Autofahrer Tee und Brötchen. Kleine Landmärkte öffneten ihre Türen, damit sich die Menschen mit Lebensmitteln und anderen Dingen versorgen konnten. Bislang ist noch nicht absehbar, wann sie ihre Fahrten fortsetzen können.

Fehmarn ist sich selbst überlassen

Auf der gesamten Ostseeinsel Fehmarn mussten die Menschen am Sonntag etwa eine Stunde lang ohne Strom auskommen. Außerdem begann es in der am heftigsten vom Schneesturm „Daisy“ betroffenen Region Schleswig-Holsteins gegen Mittag erneut zu schneien. „Das Schlimmste, was uns passieren konnte“, sagte Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt (parteilos). Extremes Hochwasser der Ostsee und der Sturm hätten zudem einen Deich auf 25 Meter Länge in Mitleidenschaft gezogen. „Alle Dörfer sind nach wie vor von der Außenwelt abgeschnitten“, berichtete Schmiedt. „Im Moment ist alles erstarrt.“ Drei hochschwangere Frauen auf der Insel konnte er beruhigen: „Wir haben ein Raupenfahrzeug für Notfälle.“

In Neustadt, Heiligenhafen und an anderen Badeorten war die Ostsee über die Ufer getreten, die Deiche hielten dort am Morgen jedoch. Bei Dahmeshöved bestand die Gefahr eines Deichbruchs. „Hier helfen zahlreiche Menschen und versuchen, das Schlimmste zu verhindern“, erklärte die Polizei. Bei Lübeck schnitten meterhohe Schneewehen den Ort Priwall von der Außenwelt ab. Auch die Priwallfähre habe ihren Betrieb wegen Hochwassers und Sturm eingestellt.

„Auf der Insel Fehmarn geht fast nichts mehr“, fügte die Polizei hinzu. Dort sei nur noch die Autobahn befahrbar, die den Fährhafen nach Dänemark mit dem Festland verbindet. Alle Ortschaften auf der Insel seien „mehr oder weniger sich selbst überlassen“. Das gilt auch für „unzählige Dörfer in Ostholstein“. Sie seien weder auf dem Land- noch auf dem Wasserwege erreichbar. In der Lübecker Altstadt trat Hochwasser über die Ufer.

Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 90 Kilometern pro Stunde peitschten die Wellen gegen Seebrücken, Buhnen und Hafenmauern. Auf Rügen kam es sogar zu orkanartigen Böen. „Die Situation wird als unverändert angespannt bezeichnet“, meldete die Polizei in Lübeck am Morgen. Sie rief die Bürger auf, das Autofahren, wenn irgend möglich, unbedingt zu vermeiden.

Zahlreiche Flugausfälle in Frankfurt

Auch Fluggäste sind von Tief „Daisy“ betroffen. Am Sonntag fielen wieder zahlreiche Flüge am Frankfurter Flughafen aus. Bereits in den Morgenstunden wurden 66 Flüge gestrichen, wie ein Flughafensprecher sagte. Darunter waren 33 Landungen, weil auch Flughäfen in Süddeutschland, der Schweiz und Norditalien witterungsbedingte Probleme hatten. Zudem mussten die Passagiere an Deutschlands größtem Flughafen auch am Sonntag mit Verspätungen von rund einer Stunde rechnen.

Am Samstag mussten durch die winterlichen Witterungsverhältnisse mit Schnee und Eis insgesamt 255 Flüge annulliert werden. „Ich bin seit 38 Jahren dabei, aber an eine solch hohe Zahl an witterungsbedingten Flugausfällen kann ich mich nicht erinnern“, sagte ein Flughafensprecher.

Mehrere Ortschaften wurden regelrecht von der Außenwelt abgeschnitten. Auf Rügen konzentrierte sich der Winterdienst nur auf die B 96. Auf allen übrigen Straßen mussten sich die Autofahrer selbst behelfen. Schneepflüge kamen hier wie anderswo erst gar nicht nur, weil die feststeckenden Autos der Straßen blockierten.

Auch auf dem restlichen Abschnitt gäbe es mehrere Staus. Das größte Problem seien die orkanartigen Sturmböen, die nach kurzer Zeit bereits geräumte Strecken wieder mit Schneemassen zuwehten, erklärte der Polizeisprecher weiter.

„In Ostholstein sind fast alle Nebenstraßen, wie Gemeinde- und Kreisstraßen unpassierbar“, teilte die Lübecker Polizeidirektion weiter mit. „Lediglich die Autobahnen und Bundesstraßen werden in Minutenabständen geräumt. Trotzdem kommt es auch hier zu Behinderungen durch plötzlich auftretende Schneewehen.“ Eine Bundesstraße bei Grömitz wurde teilweise gesperrt, eine Landesstraße bei Ratekau ist „nicht mehr befahrbar“.

Bereits am Samstag hatten starke Schneefälle und Schneeverwehungen sowie extreme Glätte und starke Sturmböen für zahlreiche Verkehrsbehinderungen gesorgt. Hunderte Flüge wurden gestrichen oder konnten erst mit Verspätung starten. Auch im Bahnverkehr gab es vereinzelt Zugausfälle und zahlreiche Verspätungen. (mit jg/rtr/dpa/ddp) 

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