Welt : Darmkrebs-Vorsorge: Show - zum Überleben

Ulrike Simon

Selten funktioniert Lobbyarbeit so perfekt wie bei der Darmkrebsvorsorge. Es scheint, dass die ganze Deutschland-AG gegen diese Krankheit kämpft. Zwar gibt es viele schlimme Krankheiten. Aber wie hat es ausgerechnet der Darmkrebs auf die Seite eins von "Bild" geschafft, und das gleich an zwei aufeinander folgenden Tagen? Und wie kommt es, dass Susan Stahnke ihre erste große Fernsehrolle in Deutschland bekommen hat, indem sie sich freiwillig einer Darmspiegelung unterzieht, sich dabei von einer "Bild"-Redakteurin interviewen, einem "Bild"-Fotografen ablichten und vom Team der "Stern-TV"-Redaktion filmen lässt?

Den Kampf gegen Darmkrebs hat sich in Deutschland die Felix-Burda-Stiftung zur Aufgabe gemacht. Felix Burda, der im Februar vergangenen Jahres im Alter von 33 Jahren an Darmkrebs starb, ist der Sohn von Verleger Hubert Burda ("Bunte", "Focus"). Die Stiftung arbeitet mit der Deutschen Krebshilfe und der Deutschen Krebsgesellschaft zusammen. Präsidentin ist Hubert Burdas erste Ehefrau Christa Maar, im Schirmherren-Komittee sitzen Vertreter aus Wirtschaft und Politik, unter anderen das Ehepaar Edmund und Karin Stoiber, Jürgen Schrempp und Jürgen Weber. Rund 180 weitere Prominente unterstützen die Stiftung: Hubert Burdas jetzige Gattin, die Schauspielerin und Ärztin Maria Furtwängler, außerdem Harald Schmidt, Senta Berger, Nina Ruge, die Klitschko-Brüder und viele andere mehr.

Den Monat März hat die Felix-Burda-Stiftung zum "Aktionsmonat Darmkrebs" ausgerufen. Viele Aktionen wurden gestartet: Broschüren wurden gedruckt, Anzeigen wurden geschaltet undsoweiter. Aber das reichte der Stiftung nicht. Denn "Darmkrebs ist kein medizinisches, sondern ein Kommunikationsproblem", sagt Nikolaus von der Deecken, Sprecher des Burda-Verlages in München. Darmkrebs sei eine Krankheit, die hundertprozentig heilbar sei, wenn sie frühzeitig erkannt wird. Doch die Angst der Menschen vor dem Gang zum Arzt verhindere ein frühes Erkennen. Also müsse den Menschen die Angst vor der Vorsorgeuntersuchung genommen werden. Medienarbeit sei das A und O im Kampf gegen Darmkrebs.

Burda-Kommunikationschef Nikolaus von der Deecken war es dann auch, der Kontakt zur Redaktion von "Stern-TV" aufnahm. Er erzählte ihr von einer Aktion aus den USA, in der medienwirksame Lobbyarbeit im Kampf gegen bestimmte Krankheiten üblich ist. Bereits im Jahr 2000 veranstaltete in den USA das Cancer Institute unter der Schirmherrschaft von Bill Clinton einen Aktionsmonat gegen Darmkrebs. Für große Medienresonanz sorgte damals die NBC-Moderatorin Katie Curek, deren Mann kurz zuvor an Darmkrebs gestorben war. Von ihr stammt auch die Idee, sich vor Fernsehkameras einer Darmspiegelung zu unterziehen und den Beitrag in ihrer Show "Today" zu zeigen. Damit schaffte es Katie Curek nicht nur auf den Titel des "Time Magazine". Es hieß sogar, dass ihre Aktion maßgeblich dafür verantwortlich gewesen sei, dass die Sterblichkeitsrate wegen Darmkrebs in den USA innerhalb von zwei Jahren halbiert werden konnte.

Als Kai Diekmann, Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, während eines Besuchs bei Burda um Unterstützung gebeten wurde, kam ihm der Gedanke, nach dem Vorbild aus USA dieselbe Aktion in Deutschland mit Ex-Nachrichtenmoderatorin Susan Stahnke zu inszenieren. Stahnke erzählt nun in "Bild" vom Schicksal ihres an Darmkrebs gestorbenen Cousins, und auch "Stern TV" erklärte sich nun bereit zu senden, was es im Inneren von Susan Stahnkes Unterleib zu inspizieren gibt. So fand zusammen, was nicht zusammen gehört: der Burda-Verlag, der Bertelsmann-Konzern ("Stern"-TV auf RTL) und der Axel Springer-Verlag mit "Bild".

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