Welt : Das Albino-Reh soll leben

Jäger wollten das Tier in Sachsen erlegen. Nach Protesten machen sie jetzt einen Rückzieher

Dagmar Dehmer

Berlin - Die Deutsche Wildtierstiftung hat dem Albino-Rehkitz aus Sachsen bereits „Asyl“ angeboten. Bevor das bei der Gemeinde Oberlungwitz im Erzgebirge entdeckte weiße Reh geschossen werde, solle es ins „Wildtierland“ der Stiftung in Mecklenburg-Vorpommern umziehen, sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel. Marlene Wartenberg, Geschäftsführerin der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“, hofft, „dass das kein zweiter Fall Bruno wird“. Bruno war der erste Braunbär, der im Sommer in die bayerischen Alpen eingewandert war, dort einige Hühnerställe geplündert hatte und deshalb erschossen wurde.

Vermutlich wird es beim Albino-Reh nicht so weit kommen. Denn außer dem Präsidenten des sächsischen Landesjagdverbands, Günter Giese, trachtet offenbar niemand dem Tier nach dem Leben. Die „Bild“-Zeitung hatte Giese mit dem Satz zitiert: „Das Reh ist eine Mutation. Und die gehören nicht in die Wildnis, sie müssen geschossen werden.“ Weiter soll Giese gesagt haben, lebte das Tier in seinem Jagdrevier, würde er es schießen, „weil mir das nicht gefallen würde; das sieht aus wie eine Ziege“. Am Freitag allerdings dementierte Giese jegliche Tötungsabsichten, zumal der zuständige Jagdpächter Ralf Georgi bereits gesagt hatte, dass ihn das Tier nicht störe. Der „Bild“-Zeitung sagte Georgi: „Wenn einer in meinem Revier das Reh heimlich schießt, ist das Wilderei.“

Offenbar hat Giese nicht mit einer solchen Protestwelle gerechnet. Am Freitag ruderte er jedenfalls zurück: „Die Entscheidung, das Tier zu schießen, liegt einzig beim Revierpächter.“ Naturschutz- und Tierschutzverbände hatten einhellig dafür geworben, das Tier am Leben zu lassen. Die Volksmusikerin Stefanie Hertel hatte gar angekündigt, sie wolle am 7. Dezember ein Benefizkonzert zu Gunsten des Rehkitzes geben und das Geld an den Tierpark Meißen überweisen, damit das Tier dort aufgenommen werde.

Gäbe es in deutschen Wäldern noch Braunbären, Wölfe oder Luchse, hätte das Albino-Reh ohnehin kaum Überlebenschancen. Nach Angaben der Deutschen Wildtierstiftung werden die weißen Tiere aus ihrem Rudel ausgeschlossen, stehen also immer am Rand. Dort würden sie von Raubtieren sofort gesehen und wären eine leichte Beute. Nur gibt es in deutschen Wäldern so gut wie keine Raubtiere mehr. Deshalb haben die Jäger mehr oder weniger die Rolle der „natürlichen Auslese“ übernommen.

In ihrem eigenen Selbstverständnis sehen sich die Jäger als „Schützer eines landschaftlich und landeskulturell angepassten, artenreichen und gesunden Wildtierbestands“, so formuliert das der Deutsche Jagdschutzverband. Bedenken, dass das Albino-Kitz seinen Mangel an Farbpigmenten weiter vererben und so die Rehpopulation schwächen könnte, dürften leicht zu widerlegen sein. Nach Ansicht von Zoologen hätte das Kitz, wenn es tatsächlich ein junger Rehbock ist, kaum Chancen, seine Gene weiter zu geben, weil die braunen weiblichen Rehe einen weißen Bock ablehnen würden. Doch selbst wenn es sich fortpflanzen würde, hätte er mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent normal gefärbte Nachkommen. Dass seine Überlebenschancen trotzdem schlecht sind, liegt eher daran, dass seine Artgenossen das Tier womöglich ablehnen und es mit seinen roten Augen noch dazu ziemlich schlecht sieht.

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