Welt : Das All für alle

Drei, zwei, eins, zero: Wenn heute der erste Privatshuttle startet, ist das Zeitalter des Weltraumtourismus offiziell eröffnet

Joachim Mahrholdt

Über Burt Rutan darf man geteilter Meinung sein. Die einen halten den 60-jährigen Flugzeugbauer für ein Genie, die anderen für einen Verrückten mit Talent und Glück. Jetzt greift Rutan nach den Sternen. Mit seinem „Space Ship One“ will er am heutigen Montag einen Piloten an den Rand des Weltraums schicken: 100 Kilometer hoch. Es wäre der erste Flug eines privat finanzierten und gebauten Raumfahrzeuges – Raumfahrtgeschichte also. Und nebenbei sind noch zehn Millionen Dollar Preisgeld zu vergeben.

Rutan ist nicht der Einzige, der in diesen Wochen und Monaten schwerelos in die Luft gehen will. Insgesamt 27 Teams aus Ingenieuren, Abenteurern und Mäzenen verfolgen dasselbe Ziel: einen Menschen dorthin zu bringen, wo laut internationaler Konvention der Weltraum beginnt. Die Zeit drängt. Denn bis Januar 2005 müssen sie es geschafft haben. Sonst können sie die Hoffnung auf die Prämie der „X-Price-Foundation“ in den Wind schreiben. Diese amerikanische Stiftung will den Weltraumtourismus fördern; finanziert wird sie von einigen zahlungskräftigen Weltraumbegeisterten, darunter auch die ehemaligen Astronauten Edwin „Buzz“ Aldrin und John Glenn sowie dem Schauspieler Tom Hanks, der spätestens seit seiner Rolle im Film „Apollo 13“ wohl ahnt, dass Dinge auch anders laufen können als vorgesehen. Die Regeln für den Wettlauf ins All sind einfach: Das Preisgeld bekommt derjenige, der zwei Mal innerhalb von zwei Wochen mit dem selben Raumflugzeug eine dreiköpfige Besatzung ins Weltall in 100 Kilometer Höhe und sicher zurück zur Erde bringt.

Die Pioniere wollen aber auch beweisen, dass das Weltall allen offen steht. Anhänger dieser Philosophie gibt es auf der ganzen Welt. Sie erhoffen sich nicht nur das Preisgeld, sie wollen auf dem Markt der Raumtransporter dabei sein, wenn es richtig losgeht mit dem Weltraumtourismus. Der US-Kongress müsste sich nur noch auf ein Gesetz einigen, das den kommerziellen Transport von Menschen ins All regelt. 20 Millionen Dollar zahlten Millionäre wie Dennis Tito noch für ihren Ausflug ins All; ein kurzer Abstecher an den Rand des Weltraums soll bald für 100 000 Dollar zu buchen sein. Angesichts der Kosten eines Shuttle-Starts, der bei 400 Millionen Dollar liegt, ein Billigfliegerpreis.

Doch zuvor muss Rutan die „Space Ship One“ am Montag in die Luft schießen und sicher zu Boden bringen. Von einer staubigen Flugzeugpiste in der Mojave-Wüste nordöstlich von Los Angeles soll dieser womöglich historische Flug starten. Der Start ist heute um 6 Uhr 30 Uhr Ortszeit (15 Uhr 30 MESZ) geplant, weil zu dieser Zeit in der Regel nur ein lauer Wind durch die Mojave-Wüste weht. Das Trägerflugzeug „Knight Ride“ wird dann im Huckepack-Verfahren das „Space Ship One“ auf eine Höhe von 16 Kilometern bringen. Danach trennt sich das Raumfahrzeug – von Luftfahrtfans „Bratwurst mit Flügeln“ genannt – ab. 80 Sekunden lang zündet der Pilot die Triebwerke. Mit einem Feuerschweif und dreifacher Schallgeschwindigkeit soll es dann weitersausen. Für drei Minuten wird der Pilot dann im Weltall die Schwerelosigkeit spüren und den schwarzen Himmel um sich herum sowie die dünne blaue Linie der Erdatmosphäre am Horizont sehen. 20 Minuten dauert danach der Rückflug. Wie ein Flugzeug wird das weiß lackierte „Space Ship One“ am Ende des anderthalbstündigen Ausflugs wieder auf der Erde landen.

Seit der Russe Juri Gagarin 1961 als erster Mensch ins Weltall flog, sind alle Weltraumprogramme immer staatlich finanziert worden. Das „Space Ship One“-Projekt bricht mit dieser Tradition. Rutan und der Microsoft-Mitbegründer Paul G. Allen haben sich ideal ergänzt: Rutan lieferte die Technik, die Allen mit 20 Millionen Dollar bezahlte. Sollte der Jungfernflug glücken, können Rutan und Allen künftig auch auf Aufträge von der Nasa hoffen. Die soll nämlich künftig enger mit der Privatwirtschaft zusammenarbeiten.

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