Welt : Das Auslaufmodell

Turin kommt in Fahrt auch ohne Fiat – der stille Abschied von einem allmächtigen Familienunternehmen

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Von Matthias Zucchi, Turin

Es ist still in der Montagehalle. Es ist, als habe jemand den Stecker aus der Dose gezogen. Alles steht noch da, die Roboter, die Förderbänder, die Computer. Nur machen sie eben keinen Lärm. Sie sind abgeschaltet, weil sie keiner mehr braucht – genauso wie die Menschen, die hier eigentlich arbeiten. Im Fiatwerk Mirafiori stehen seit dem Frühjahr – je nach Modellreihe – die Bänder im Monat für eine, zwei, manchmal auch drei Wochen still. Die Arbeiter bekommen Kurzarbeitergehalt. Der Autokonzern Fabbrica Italiana Automobili Torino (Fiat) ist in der schwersten Krise seiner Geschichte.

Die Konjunkturschwäche des Automarktes hat den Turiner Kfz-Hersteller besonders schwer getroffen: Nach Berechnungen des italienischen Wirtschaftsanalyse-Instituts Consensus Jcf wird Fiat in diesem Jahr als einziger Autoproduzent weiter rote Zahlen schreiben. Die Rekordverschuldung von 6,6 Milliarden Euro hat man in den letzten Monaten mit Mühen auf 5,8 Milliarden reduziert, bis zum Jahresende sollen es günstigstenfalls „nur noch“ drei Milliarden sein. Allein 2001 hat Fiat einen Verlust von knapp 300 Millionen Euro hinnehmen müssen, für das laufende Jahr wird mit ähnlich hohen Verlusten gerechnet. Der Kurs der Fiat-Aktie sinkt seit Monaten, und die großen italienischen Kreditinstitute (Banca di Roma, San PaoloImi, IntesaBci und Unicredito) blicken unruhig auf erhoffte Zahlungen in Höhe von zwölf bis 14 Milliarden Euro. Der Ausverkauf der Tochterfirmen macht auch vor Nationalsymbolen nicht halt: Um den Schuldenberg zu verringern, hat Fiat diesen Sommer 34 Prozent der Ferrari-Aktien veräußert.

In Turin nimmt man derlei Nachrichten mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis, zu eng ist die Geschichte der Stadt mit der Geschichte der Autofirma verbunden: 1900 wurde hier die erste Fiat-Produktionsstätte eingeweiht, die zunächst 150 Arbeiter beschäftigte. Sechs Jahre später waren es schon 2500 Arbeiter. 1920 überzeugte sich der damalige Fiatpräsident und Senator Agnelli bei einem Amerikaaufenthalt bei Henry Ford persönlich von den Vorteilen der neu erfundenen Serienproduktion mit Fließbandketten und ließ bis 1922 den Lingotto (Goldbarren) als modernste Autofabrik Europas in Turin errichten. Im faschistisch regierten Italien erfuhr Fiat eine enorme Expansion: 1939 arbeiteten in den Turiner Fabriken über 22000 Menschen. Parallel zu Fiat wuchs auch die Stadt um die enormen Produktionsstätten herum. Ganze Stadtteile entstanden, um den Arbeitern und Ingenieuren Wohnraum zu schaffen. Dennoch: Die Mehrheit der Turiner scheint sich von der Krise nicht besonders beeindrucken zu lassen. Ein Reporter des staatlichen Senders „Rai“ sagte kürzlich in einer deutschen Tageszeitung: „Viele haben immer noch nicht mitbekommen, was hier eigentlich los ist.“ Vielleicht blenden andere Fakten: 2006 finden die Olympischen Winterspiele in Turin statt, das hat die Stadt vor allem dem 80-Jährigen Fiat-Firmenpatriarchen Gianni Agnelli zu verdanken. Vielleicht sind es solche Dinge, die darüber hinwegsehen lassen, dass die meisten Neuwagen der italienischen Nationalmarke schon längst nicht mehr in Turin vom Band laufen. Der traditionsreiche Lingotto (Goldbarren) ist schon vor drei Jahren in ein Kongress- und Einkaufszentrum umgewandelt worden. Im Schatten der Mole Antonelliana, des Turiner Wahrzeichens, munkelt man, dass auch die letzte verbliebene Fiat-Produktionsstätte, das Werk Mirafiori, bis Ende 2003 geschlossen wird. Schon seit einigen Monaten erhält die zur Kurzarbeit gezwungene Belegschaft in Mirafiori nur noch zwei Drittel des normalen Nettogehalts. Seit Jahresbeginn sucht die Regierung Berlusconi nach einer „billigen“ Lösung, um das Ausscheiden der Fiat-Arbeiter sozial abzufangen. Doch die für den Herbst angekündigten Subventionen der Produktion schadstoffarmer Autos sind lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein.

In der Piemontesischen Metropole und Umgebung sind in über 1200 Betrieben rund 73000 Menschen mit der Produktion von Autos, Ersatzteilen und Zubehör beschäftigt. Freilich arbeitet nur ein Teil von ihnen direkt oder indirekt für Fiat. Doch niemand vermag mit Gewissheit zu sagen, wie viele dieser Arbeitsplätze durch die Fiat-Krise faktisch bedroht sind. In der Chefetage des Autokonzerns spricht man offiziell von 1600 direkt betroffenen Arbeitsplätzen in den Turiner Werkstätten. Die italienische Metallergewerkschaft Fiom geht davon aus, daß Fiat bis Ende 2003 12000 Stellen streichen wird. In Mirafiori werden demnach bald die Lichter ausgehen. Das wird für die Zulieferbetriebe und Firmen im Umfeld des Turiner Autoherstellers nicht folgenlos bleiben. Nach Prognosen der Rifondazione Comunista werden im Zuge der Fiat-Krise landesweit 30000 Menschen ihre Arbeit verlieren, die Mehrheit im Großraum Turin.

In den vergangenen Monaten hat es zwar verschiedene Demonstrationen und Streiks der Turiner Fiat-Belegschaft gegeben, aber mit den gewaltigen Kundgebungen der siebziger und achtziger Jahre, bei denen Hunderttausende zorniger Arbeiter auf den Straßen Turins ihre Rechte einforderten, sind die Protestaktionen nicht vergleichbar. In diesen Tagen stehen nur noch selten Demonstranten vor den Werkstoren. Sie hören selbst jeden Tag, wie es um den Konzern steht: Es ist still geworden auf dem Gelände Mirafiori.

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