Welt : Das Beängstigende ist verschwunden

CHRISTOPH DRIESSEN (dpa)

In den Niederlanden streiten Experten über den Nikolaus / Sind die 68er schuld?VON CHRISTOPH DRIESSEN (dpa) DEN HAAG.Sankt Nikolaus ist in den Niederlanden wieder in den Schlagzeilen.Vor ein paar Jahren begann der Trend, die Bescherung vom Nikolaustag auf Weihnachten zu verlegen, dann galt sein Begleiter, der "Schwarze Piet" (ein niederländischer Knecht Ruprecht), wegen seiner dunklen Hautfarbe als Erfindung von Rassisten. Doch jetzt steht Sankt Nikolaus selbst im Kreuzfeuer der Kritik.Als seniler Trottel muß er sich beschimpfen lassen.Die antiautoritäre 68er Generation habe aus der einstigen Respektperson eine Witzfigur gemacht, lautet der Vorwurf."Sinterklaas" habe nicht mehr den Mut zu erziehen, geschweige denn zu strafen.Kein Tadel komme ihm mehr über die Lippen, nur noch gute Taten würden im Goldenen Buch vermerkt. Der Expertenstreit tobt, führende Zeitungen beziehen Stellung."Nikolaus nimmt sich selbst nicht mehr ernst", schreibt "De Volkskrant"."Er spielt den Senilen." Der Völkerkundler John Helsloot spottet: "Nikolaus ist ein hilfsbedürftiger, alter Trottel geworden und darf nur noch so lieb, nett und unschuldig sein wie eine Barbie-Puppe." Selbst vor dem früher so furchteinflößenden Schwarzen Piet läuft heute niemand mehr davon."Piet trägt keine Rute mehr", stellt Rudolf Dekker fest, Dozent für Gesellschaftsgeschichte an der Universität Rotterdam."Das Spannende, das Beängstigende ist verschwunden.Ich finde das schade." Die Rollen scheinen sich umgekehrt zu haben: Inzwischen bezieht Nikolaus selbst des öfteren Schläge.In Amsterdam rissen ihm Jugendliche den Bart vom Gesicht und warfen den Bischofsstab in einen Kanal.Wenn das so weitergehe, werde sich der Nikolaus demnächst nicht mehr in die Stadt trauen, drohten Amsterdams Nikolaus-spielende Studenten.Doch Psychologen glauben: Das hat sich der Alte selbst zuzuschreiben.Wer sich so anbiedert, verliert jeden Respekt.Er hätte sich eben doch weiter siezen lassen sollen. Der offizielle Nikolaus des Fernsehens, dargestellt vom Schauspieler Bram van der Vlugt, verteidigt die neue Linie dagegen entschieden."Nikolaus weigert sich, als Erpressungsmittel mißbraucht zu werden", sagt er."Er muß ein Kinderfreund sein und nicht die rächende Gerechtigkeit."

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