Welt : Das "Bici" muss mit: Florenz vor dem Rad-Infarkt

Werner Raith

Die Idee galt seinerzeit als "die Lösung", später erwies sie sich als Bumerang: Vor gut zehn Jahren hatte die "Weltkulturhauptstadt" Florenz ihre Bürger aufgerufen, abgasfeuernde Autos aus der Stadt herauszuhalten und lieber mit dem "Bici" (von "bicicletta") ins Büro oder zum Einkaufen zu fahren. Die um ihre Renaissance-Schönheiten besorgten Florentiner waren einverstanden, und bald mussten sich Touristen und andere Fußgänger nicht mehr vor hupenden Autos oder pfützenspritzenden Flitzern, sondern vor ganzen Heerscharen klingelnder Zweiradlenker zur Seite springen.

Seither hat die Kommune ein Problem: "Nicht nur, dass viele der Radler durch disziplinloses Herumkurven Passanten bedrängen und Autos zu gefährlichen Manövern zwingen", klagt der Chef der Stadtpolizei, Andrea Seniga, "die Räder müssen ja irgendwo abgestellt werden." Und so bilden sich vor Supermärkten und Kaufhäusern, neben den Eingangspforten zu Ämtern und größeren Firmen ansehnliche Ballungen kreuz und quer verkeilter Fahrräder - mehr als tausend zählte die Polizei einmal alleine vor der Kunstgalerie der Uffizien. Viele Eigner schützen ihr Gerät zudem dadurch, dass sie Lenker und Vorderrad mit mächtigen Ketten und Vorhängeschlössern an ehrwürdigen Eisengittern alter Palazzi oder an empfindlichen Marmorsäulen von Kirchen befestigen.

Null-Toleranz gegen Falschparker

So kam es vor zwei Jahren zur Erklärung des "Fahrradnotstandes" und dem Auftrag an die Polizei, künftig "Null Toleranz" gegen wildparkende Fahrräder zu üben. Seitdem wird alles, was nicht im "Fahrrad-Parkstreifen" abgestellt ist, unnachsichtig auf einen Kleintransporter verladen und in das städtische "Abschleppdepot" verbracht. Wer sein Fahrrad wiederhaben will, muss umgerechnet mehr als 300 Mark blechen. Da es ein neues "Bici" schon für umgerechnet 100 Mark gibt, holen sich nur nur wenige ihr Fahrgerät zurück. Und so stapeln sich Tausende Räder unter freiem Himmel, der Großteil rostet traurig vor sich hin. Das städtische Depot heisst bei den Florentinern mittlerweile "Fahrradfriedhof".

Bici-Recycling im Knast

Juristen haben lange überlegt, was man denn mit den schnöde aufgegebenen Rädern tun dürfe. Denn während man den Halter eines abgeschleppten Autos feststellen und ihm die Ankündigung der Zwangsversteigerung des Gefährtes zustellen kann, ist der Eigner eines Fahrrades im Regelfalle nicht bekannt - er könnte sein Eigentum später reklamieren. Nun hat die Stadtverwaltung eine Lösung gefunden: seit neuestem werden die Fahrräder schon nach vier Wochen fahrbereit gemacht - durch Insassen der umliegenden Gefängnisse, die sich dafür ein paar Lire verdienen. Danach kommen die recycelten "Bicis" der städtischen Aktion "Tausend-und-ein-Fahrrad" zugute, bei der sich Touristen gegen eine Kaution Räder leihen können. Sollte sich ein Eigentümer doch noch melden, kriegt er sein Gefährt wieder - gegen Zahlung natürlich. Und inzwischen hofft die Stadtverwaltung statt der Depotgebühren auf satte Mieteinnahmen.

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