Welt : Das Blutbad in Bayern: Motiv: Rache

Mirko Weber

Sie waren bei der Arbeit. Sie waren beim Zahnarzt. Sie waren zu Hause. Sie haben es nicht gewusst, bis jemand am Radio drehte. Bis jemand angerufen hat. Jetzt sind sie hier. Es sind die Eltern der Kinder, die in der Freisinger Wirtschaftsschule unterrichtet werden. Normalerweise. Aber es ist nichts normal an diesem Morgen in Freising, der Stadt mit den wenigsten Arbeitslosen in Deutschland. Eine vergleichsweise glückliche Stadt. Sonst. Und eine Stadt in Angst. Jetzt. Immer noch. Hubschrauber sind in der Luft, und so verstehen die Eltern und die Schüler kein Wort voneinander, als sie sich in die Arme fallen und festhalten, ganz fest. Sie weinen. Sie frieren. Sie sind geflohen, wie sie gerade dasaßen - im Hemd, im T-Shirt, in der Turnhose. Sie sind hierher geeilt, mit dem, was sie am Leib hatten, den Mantel haben sie daheim vergessen. Und ihre Gesichter sind ernst, sehr ernst.

Sie sind alle noch einmal davon gekommen an diesem blutigen Dienstag in der Freisinger Wippenhauser Straße, einem Wohngebiet am Rande der Stadt, in dem lauter kleine, frisch gestrichene Bürgerhäuser in Reih und Glied hintereinander stehen, als gebe es keine Unordnung auf der Welt. Wie ungeordnet sie sein kann allerdings, hat der oberbayerische Landkreis erfahren. Alles innerhalb von vier Stunden. Es ist acht Uhr in der Früh und Schulbeginn an diesem Dienstag, als an der Breslauer Straße im zehn Kilometer entfernten Eching ein ehemaliger Mitarbeiter eine Dekorationsfirma betritt und anfängt zu schießen. Der Mann ist 22 Jahre alt und bis zum Jahresende hier angestellt gewesen.

Er tötet den Firmenleiter und den Vorarbeiter, genau die Menschen also, die ihn mehrere Male abgemahnt hatten, bis er am Ende die Papiere bekam. Er handelt nach Plan. Er übt Rache. Er ist bewaffnet mit zwei großkalibrigen Pistolen und trägt einen Tarnanzug aus den Beständen der Bundeswehr. Seine Opfer sterben, noch bevor der Notarzt eintrifft. Der Täter flieht. Er hat kein Auto. Er fährt mit dem Taxi.

Auch die Wirtschaftsschule in Freising nimmt er im Sturm. Er weiß genau, was er will. Schon auf dem Parkplatz vor der Schule feuert der Täter um sich. Zielstrebig nähert er sich dem Direktorat. Dort erschießt er den Direktor und zündet zwei Rohrbomben. Zwei Lehrer werden schwer verletzt, einer mitten im Gesicht. Anschließend verschanzt sich der Täter in der Schule. Die mittlerweile massiv aufmarschierte Polizei vermutet ihn zuerst auch noch außerhalb des Gebäudes und evakuiert die Schüler deshalb nur sehr vorsichtig und langsam. Es entsteht keine Panik. Für einen Augenblick, sagt eine Schülerin später, hätten sie gedacht, sie seien im falschen Film. Dann sei alles sehr schnell gegangen.

Vor dem Hinterausgang steht ein Panzerwagen des Bundesgrenzschutzes. Alle Straßen rund um den Schulkomplex sind zu diesem Zeitpunkt abgesperrt. Der Vorplatz der Schule füllt sich mit Neugierigen, Schülern, Lehrern, Eltern und Sicherheitsbeamten. Hunderte von Handys sind im Einsatz, und doch ist es auf seltsame Weise still in der Wippenhauser Straße.

Noch immer greift die Furcht um sich, der Mann könne von irgendwo oben noch einmal schießen. Dann auf sie alle. Aber er schießt nicht mehr. Die Polizei durchsucht "mit hoher Professionalität", wie das später der bayerische Innenminister Beckstein am Tatort sagt, Raum für Raum in der Schule.

Unterdessen sind alle Kinder in Sicherheit. Kurz nach zwölf Uhr finden die Polizisten endlich den Mann. Er liegt in einer großen Blutlache. Er hat sich in die Luft gesprengt. Nach ersten Erkenntnissen handelt es sich bei ihm um einen Täter, der unter anderem durch einen versuchten Raubüberfall der Polizei bereits bekannt war. Von einem "Amokläufer im herkömmlichen Sinn" könne aber nicht gesprochen werden, meint Günther Beckstein nach den Bluttaten.

Der Täter habe sich vielmehr "ganz gezielt Personen vorgenommen, auf die er einen Hass hatte", zuerst die Vorgesetzten an seiner ehemaligen Arbeitsstelle, dann den Direktor seiner ehemaligen Schule, an der er aber offensichtlich nur ein paar Jahre lang gewesen ist. Im Grunde genommen mache es das alles nur noch schlimmer, sagen die meisten: dass einer sich hier ausgekannt hat. Und dass er nicht einfach gekommen war, um blindwütig in eine Ansammlung von Menschen zu schießen. Dass er es geplant hat, ganz kalt.

Es gibt noch ein paar laute Szenen an diesem Dienstag in Freising, absurde auch. Wie sich die zahllosen Kameramänner auf dem Platz vor der Schule umrennen, um ein Bild zu bekommen von etwas, von dem es kein Bild gibt. Wie einige der abgezockteren Schüler, sei es aus Chuzpe, sei es aus Unsicherheit, mit ein paar Leuten aus dem Medienpulk das Feilschen um den Intervieweuropreis beginnen, dabei haben sie nichts gesehen. Wer wirklich etwas gesehen hat, lebt nicht mehr. Oder schweigt.

Es gibt aber auch noch ein paar leise Szenen an diesem Dienstag in Freising. Wie die Mütter ihren Kindern die Mützen aufsetzen, als geschähe das zum ersten Mal. Wie die Väter ihren Halbwüchsigen die Hand geben, als seien sie noch winzige Kerle. Und wie dann der bayerische Minister geht und vollkommen vergessen hat, dass ein Minister immer so schauen muss, als sei er auch ein Minister. "Es war ein verstörender Vormittag", sagt Günther Beckstein.

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