Das Drama ist weiblich : Frauenfreundschaften enden oft im Streit

Manchen Frauen steht die beste Freundin näher als der männliche Partner – entsprechend übersteigert sind oft die Erwartungen. Und das hat oft bittere Konsequenzen.

Stefanie Järkel[Stuttgart]
Frauen-Freundschaften sind zumeist eine sehr emotionale Angelegenheit.
Frauen-Freundschaften sind zumeist eine sehr emotionale Angelegenheit.Foto: Istock

Wer die beiden zusammen sah, der dachte, ihre Freundschaft gelte fürs Leben: Simone und Petra hatten sich schon in den ersten Seminarstunden des Studiums gefunden. Beide wollten als Journalistinnen Geschichten schreiben, die bewegten, beide tanzten gern die Nächte durch und analysierten ihre Männerbeziehungen. Schon bald verbrachten sie fast jeden Tag ihrer Studienzeit in Stuttgart miteinander.

Petra allerdings wünschte sich nichts sehnlicher als einen Freund und eine Familie. Nach jeder misslungenen Affäre schüttete sie Simone ihr Herz aus. Im Studium war sie mit ihren Noten nicht zufrieden, und mit ihrem Vater hatte sie ständig Stress wegen Geld. Irgendwann redete nur noch Petra über ihre Probleme, Simone hörte zu und gab Tipps – bis sie sich fühlte, als würde sie all ihre Energie in einem dieser schwarzen Löcher im All versenken. „Willst du dir vielleicht professionelle Hilfe holen?“, schlug sie Petra vorsichtig vor. Die war schockiert und brach den Kontakt ab. Das Ende der Freundschaft.

Frauenfreundschaften sind in der Regel emotionaler als Männerfreundschaften. Sie enden auch eher im Streit als bei Männern, wie unter anderem Forscher der Universität von Oklahoma herausfanden. Während Freunde sich meist langsam auseinanderleben, kommt es bei Freundinnen nach großer Nähe öfter zum Bruch. Das Freundschaftsdrama ist also weiblich. Doch woher kommt das? Und wie lässt sich die Gefühlsexplosion am Ende von Beziehungen vermeiden?

Anspruch vs. Wirklichkeit

Bei Frauenfreundschaften kollidieren oft Anspruch und Wirklichkeit, sagt die Berliner Sozialwissenschaftlerin Erika Alleweldt. „Frauen müssen über alles quatschen, Freundinnen müssen ständig ansprechbar sein“, so suggerierten es die Medien. „Doch diese Ansprüche kommen im Alltag an Grenzen.“ So zeigten beispielsweise schon um die Jahrtausendwende Carrie Bradshaw und ihre Freundinnen in der US-Serie „Sex and the city“: „Eigentlich geht es immer um die richtigen Männer, aber was unser Leben zusammenhält, das ist die Freundschaft“, fasst Alleweldt, die über Frauenfreundschaften promoviert hat, zusammen. Prägten früher berühmte Männerfreundschaften – wie Goethe und Schiller, Tom Sawyer und Huckleberry Finn – die gesellschaftlichen Vorstellungen, ist es mittlerweile anders. „Die Frauenfreundschaft ist heute das Ideal“, sagt Alleweldt.

Bei hohen Erwartungen ist der Stress letztlich programmiert. Ein grundsätzliches „Konfliktfeld“ für Freundschaften sei das Thema Zeit, sagt Alleweldt. Wie viel Zeit hat meine Freundin für mich? Wie oft ruft sie mich an? Wie oft kann oder will sie sich mit mir treffen?

„Freundschaft ist auch ein großes Organisationsthema“, sagt die Wissenschaftlerin. Dabei können Freundinnen schnell enttäuscht werden, wenn die andere sich lieber mal um ihren Freund oder die Familie kümmert. Doch auch unterschiedliche Lebensentwürfe oder verletztes Vertrauen können zu Problemen in Freundschaften führen.

Barbara und Melanie arbeiteten beide in einem Unternehmen am Bodensee, Barbara als Pressesprecherin, Melanie als Sekretärin des Vorstandes. Sie waren seit zwei Jahren eng befreundet, als sie gemeinsam in den Urlaub nach Spanien fuhren, eine Woche Barcelona. Es hätte ein Traum werden können. Doch schon nach zwei Tagen gingen sich die beiden mächtig auf die Nerven. Melanie fühlte sich von Barbara bevormundet. „Immer gehst du voraus, zeigst an, wo es lang geht“, warf sie ihr vor. Außerdem würde sie immer penibel auf das Geld achten, wenn sie Rechnungen zusammen bezahlten. Barbara wiederum wusste irgendwann nicht mehr, wie sie sich verhalten sollte. Schon nach der Hälfte der Zeit schwiegen sich die beiden lieber an. Nach der Rückkehr koordinierten sie statt ihrer Freizeitplanung nur noch die Termine des Chefs. Das Ende der Freundschaft.

Enttäuschungen, die im Drama enden

Als „Mittel gegen Einsamkeit“ würden Frauen Freundschaften ansehen, schreibt die Erziehungswissenschaftlerin Renate Valtin in einer Studie für die Humboldt Universität Berlin. „Frauen spiegeln sich in ihrer Freundin, entdecken sich selbst in ihr.“ Dadurch verstünden sich die Frauen besser, denn sie bekämen auch Zugang zu ihnen bisher unbekannten Teilen ihres Seelenlebens. Im Gegensatz zu Männern habe für viele Frauen „Freundschaft einen wichtigeren Stellenwert in ihrem Leben“ als die Beziehung zum Partner, schreibt Valtin.

Christina und Marie hatten sich über ihre Kinder im Kindergarten in Hamburg kennengelernt. Die Söhne verstanden sich gut, die Mütter und die Väter auch. Sie trafen sich regelmäßig, auch mit den ganzen Familien, zum Frühstück, zum Grillen, zum Kaffee. Doch irgendwann fühlte sich Christina nicht mehr wohl in der Freundschaft. Es passte für sie irgendwie nicht. Marie meldete sich weiter, machte Vorschläge für gemeinsame Unternehmungen. Christina wand sich, sagte immer wieder, sie habe keine Zeit – und hoffte, dass Marie sich einfach irgendwann nicht mehr melden würde. Doch Marie ließ nicht locker. Irgendwann schrieb sie Christina eine SMS: „Ich bin echt enttäuscht. Du hast mich abgelegt wie einen gebrauchten Schuh.“ Ein kleines Drama. Das Ende der Freundschaft.

Unabhängig von der Art des Konfliktes in der Freundschaft, können manche Frauen wie Männer nur schwer mit Problemen umgehen. Sie hätten zwar die Vorstellung, über alles reden zu können, sagt Alleweldt. „Aber wenn es dann um Konflikte geht, dann zeigt sich, dass es doch nicht geht.“ Manche Frauen ärgern sich so sehr über eine Situation, dass sie die Freundschaft in einer Kurzschlusshandlung abbrechen, andere versuchen, sich aus der Freundschaft zurückzuziehen, ohne den Konflikt anzusprechen. Über den komischen Leberfleck der Kollegin, über das Lispeln einer Bekannten, über den heißen Typen aus der Bar am Freitagabend lässt es sich eben leichter reden, als wenn verletzte Gefühle im Spiel sind.

Ein Problem bei Konflikten in Freundschaften ist, wie Alleweldt sagt, dass es „im Gegensatz zu Partnerschaften bei Freundschaften keine gesellschaftlichen Modelle gibt, wonach man sich richtet“. So sei zum Beispiel nicht klar, was man tun solle, wenn man sich nicht so gut verstehe. „Es gibt keine Regel, wenn du einmal Freund bist, dann wirst du es für immer bleiben.“ In einer Partnerschaft kann die Hochzeit kommen und die Familiengründung – oder der Gang zum Paarberater und zum Scheidungsanwalt.

Sich aus einer Freundschaft rauszuschleichen, davon rät Alleweldt ab. „Ich denke, es ist auf jeden Fall wichtig, das Problem anzusprechen, dabei aber auch seine Vorstellungen zu formulieren – ähnlich wie in einer Partnerschaft.“ Es gehe darum zu zeigen, dass einem die Freundschaft wichtig sei. Und wenn man sich gar nicht einigen kann, dann heißt es eben: Das Ende der Freundschaft.

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