Welt : Das Eis schmilzt

Hamburger Klimaforscher: Die Erde erwärmt sich viel schneller als gedacht – in Deutschland wird es mehr Hochwasser geben

Dagmar Dehmer

Hamburg/Berlin - Die Erderwärmung verläuft viel schneller, als die Klimaforscher es bisher erwartet haben. Bis Ende des Jahrhunderts rechnet das Max- Planck-Institut für Meteorologie mit einem durchschnittlichen Anstieg der Temperatur um 2,5 bis 4,1 Grad. Ein Anstieg um etwa zwei Grad wird von vielen Wissenschaftlern als Grenze des Beherrschbaren gesehen. Die Berechnungen von Erich Roeckner sollen in den vierten Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) eingehen, der 2007 veröffentlicht wird.

Der Klimaforscher Hartmut Grassl sprach am Donnerstag vom „stärksten Klimawandel, der in den letzten Millionen Jahren auf der Erde im globalen Mittel aufgetreten ist“. Die Auswirkungen sind dramatisch: Bis 2100 rechnen die Hamburger Forscher damit, dass das gesamte Eis rund um den Nordpol im Spätsommer geschmolzen sein könnte. Das dürfte das Ende für die Eisbären sein. Sie jagen auf Eisschollen schwimmend im Meer. Schon heute gelingt es vielen nicht mehr, sich genügend Speck anzufressen, um den Winter zu überstehen oder sich fortzupflanzen. Zum gleichen Ergebnis ist das Nationale Schnee- und Eis-Datenzentrum der USA gekommen. Die Eisfläche der Arktis sei bereits im vierten Jahr in Folge geschrumpft, gab das Zentrum am Donnerstag bekannt. Im September 2005 habe das Eis im Nordpolgebiet ein neues Minimum erreicht: „Wenn der derzeitige Schwund des Meereises anhält, könnte die Arktis bis zum Ende des Jahrhunderts im Sommer komplett eisfrei sein.“

Die Hamburger Studie ist nicht die erste in diesem Jahr, die eine Beschleunigung der Erderwärmung sieht. Im Sommer haben russische und amerikanische Wissenschaftler festgestellt, dass die Permafrostböden, die eigentlich ständig gefroren sind, in Sibirien und in Alaska großflächig auftauen. Da darin in großen Mengen die Treibhausgase Kohlendioxid und Methan gebunden sind, kann „das Auftauen des Permafrostes dramatische Änderungen des Ökosystems der jeweiligen Region zur Folge haben“, stellt das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung fest. Die freiwerdenden Gase, vor allem das Methan, das eine 20-mal stärkere Wirkung als Treibhausgas hat als Kohlendioxid, treiben den Prozess der Erderwärmung dann noch stärker an.

Auf der Basis der neuen Berechnungen geht Erich Roecker davon aus, dass die Sommer in Deutschland heißer und trockener, die Winter dagegen wärmer und feuchter werden. Außerdem rechnet Roecker häufiger mit „Wettersituationen, in denen extremes Hochwasser auftreten kann“. Außerdem werde es im Winter mehr Westwindlagen geben, damit steige die Gefahr von Sturmfluten an der Nordsee. Die steigt aber auch deshalb, weil die Hamburger Forscher einen Anstieg der Nordsee bis 2100 um 43 Zentimeter erwarten. Weltweit rechnen sie mit einem durchschnittlichen Ansteigen der Meeresspiegel um etwa 30 Zentimeter. Spanien muss sich darauf einstellen, Dürren wie in diesem Jahr, zum Ende des Jahrhunderts jeden Sommer zu erleben.

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