Welt : Das Ende eines Spuks

GABRIELE SCHULTE

Acht Jahre Haft für Pastor Geyer wegen Totschlags im Affekt / Angeklagter mit rotgeweintem GesichtVON GABRIELE SCHULTE BRAUNSCHWEIG.Wetten werden nicht abgeschlossen.Doch heftiger noch als sonst debattieren frühmorgens die Besucher, die sich zum letzten Mal vor dem Braunschweiger Schwurgerichtssaal um die 140 Sitzplätze drängeln.Wird der Pastor verurteilt, oder sprechen Richter und Schöffen ihn frei? Schon dreimal hat das Gericht das angekündigte Urteil verschoben.Diesmal aber fällt die Entscheidung tatsächlich: Klaus Geyer muß wegen Totschlags im Affekt für acht Jahre ins Gefängnis."Ich bitte die Kammer, dem Spuk ein Ende zu bereiten", hat der Geistliche aus Beienrode bei Königslutter in seinem allerletzten Schlußwort gesagt.Während seiner seit neun Monaten andauernden Untersuchungshaft hat er stets bestritten, seine Frau erschlagen zu haben. In fast dreimonatiger Verhandlung mit 76 Zeugen und neun Gutachtern ist das Gericht zu einem anderen Ergebnis gekommen.Der Verurteilte fällt auf seinen Stuhl zurück, als der Vorsitzende Richter Peter Kriebel den stehenden Zuhörern den Schuldspruch verkündet.Klaus Geyer schlägt die Hände vor die Stirn, dann eine Faust auf den Tisch."Das muß ich mir anhören", ruft er und verbirgt während der folgenden eindreiviertel Stunden das rotgeweinte Gesicht in den Händen.So hört er sich an, wie Kriebel jenen Freitag im vergangenen Juli schildert, an dem die Religionslehrerin und Ortsbürgermeisterin Veronika Geyer-Iwand allem Anschein nach zu Tode kam: Weil seine Frau sich von ihm trennen wollte, hat der Pastor sie bei einem Spaziergang am Stadtrand von Braunschweig erschlagen - mit Werkzeugen, die die Ermittler nie gefunden haben.Entscheidend sei die "Gesamtschau" der Indizien gewesen. Als wichtigsten Hinweis hebt er die Gummistiefel aus Klaus Geyers Auto hervor.An ihnen klebte feuchte Erde, die nach Auskunft mehrerer Sachverständiger mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vom Leichenfundort stammt.Noch am Morgen haben sich die Prozeßbeteiligten drei Stunden lang mit einer getrockneten Ameise von der Stiefelsohle beschäftigt.Das Insekt, erläuterte der Biologe Bernhard Seifert aus Görlitz, gehört zur gleichen relativ seltenen Art wie vier Ameisen an der Bluse der Getöteten: Lasius fuliginosus, scharze Holzameise.Eine aufwendige Untersuchung des genetischen Materials, beantragt von der Verteidigung um zu beweisen, daß die gefundenen Ameisen tätsächlich zum gleichen Stamm gehören, lehnten die Richter nach langer Beratung ab.Sie sei für die Entscheidung nicht von Bedeutung. Wichtigster Zeuge ist für die Richter ein Arzneimittelvertreter, der zur fraglichen Zeit in knapp hundert Meter Entfernung an der Stelle vorbeifuhr, an der drei Tage später Veronika Geyer-Iwands Leiche entdeckt worden war.Bei einer Gegenüberstellung hat er den Angeklagten an der knubbeligen Nase als den sehr aufgeregten Mann erkannt, den er dort zur Tatzeit beobachtet hatte.Andere Zeugen, die die Pastorenfrau oder ihr Auto später noch gesehen haben wollen, hätten sich nachweislich geirrt. Klaus Geyer selbst hat sich nach Ansicht der Richter nach dem Verschwinden seiner Frau wie ein Täter benommen.Zum einen hat er einen Anruf aus einer Telefonzelle nahe dem Leichenfundort erst zugegeben, als die Telekom ihn bereits nachgewiesen hatte.Mehrfach sagte er Polizisten zunächst, er habe seinen Sohn aus der Innenstadt angerufen, nachdem seine Frau zu einer Verabredung am Mövenpick nicht erschienen sei.Für die Tatzeit hat er kein Alibi.Auffällig sei, daß Geyer auf Zeugen nach der angeblich geplatzten Verabredung nicht besorgt gewirkt habe."Entgleist", sei er einer Geliebten erschienen, "verstört" einer anderen.Besorgnis habe er dagegen erst nach dem Leichenfund an den Tag gelegt. Das Gericht nimmt als sicher an, daß das Paar gemeinsam zum Stadtrand fuhr, um sich auszusprechen."Die Ehe war nicht so glücklich, wie der Angeklagte sie geschildert hat." Die Pastorenfrau habe ihren Mann wegen seiner fortwähreden außerehelichen Beziehungen zur Rede gestellt und ihm die Trennung nahegelegt - "eine Alternative, die er nicht akzeptieren konnte." Im Affekt habe Geyer sie neun Mal auf Kopf und Hals geschlagen, unterbrochen von einer kurzen Fahrt zum späteren Fundort.In dieser Zeit sei er minutenlang zu Verstand gekommen.Ein minderschwerer Fall von Totschlag, wie ihn der Verteidiger in seinem Plädoyer ins Spiel gebracht hatte, liege auch deshalb nicht vor, weil die Lehrerin ihren Mann nicht provoziert habe."Sie hat sich nie zu Beleidigungen hinreißen lassen." Hier nimmt der Verurteilte die Hände vom Gesicht und ruft: "Aber ich zum Totschlag, ja?" Geyer, ehemaliger Vorsitzender der Aktion Sühnezeichen, ist der erste Geistliche in der jüngeren deutschen Geschichte, der wegen Totschlags verurteilt wurde. Vor dem Saal lassen sich Zuschauer gern nach ihrer Meinung fragen."Gerecht" sei die Entscheidung, sagen etliche.Ein Kommentar lautet: "Ein, zwei Jahre mehr hätten auch nicht geschadet."

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