Welt : "Das fünfarmige Delta": Stockende Wasser

Hans-Jürgen Heise

Wenige Jahre vor seinem Tod, 1984, hatte ein Freund und Wegbegleiter von Octavio Paz die Idee, noch einmal die Langgedichte des Poeten herauszubringen, die 1980 unter dem Titel "Suche nach einer Mitte" bereits der Suhrkamp Verlag publiziert hatte. Paz begrüßte den Vorschlag, äußerte aber den Wunsch, dem Quartett ein weiteres long poem anzufügen: den Text "Charta des Glaubens", der einem seiner späteren Bücher entstammte und nun als eine Art "fünfter Sonne" erstrahlen sollte - als Finale der Sammlung, die der Autor "Das fünfarmige Delta" überschrieb. Vor und nach jedem der Langgedichte platzierte der in Zahlenmagie verstrickte Apologet des Mystischen jeweils ein Kurzgedicht, das er als "Introitus", als eine "ins Portal gehauene Inschrift", ansah, zugleich aber auch als winziges Irrlicht, das dem ihm zugeordneten Langgedicht eine geheimnisvolle Aura geben sollte.

Der Gegensatz von Lang- und Kurzgedichten hatte Paz schon zuvor beschäftigt, in seinem Essayband "Die andere Stimme" von 1990, in dem er Überlegungen zur Dichtung des ausgehenden Jahrhunderts anstellte und bemerkte, dass die langen Gedichte zwar der prägende Ausdruck der zurückliegenden Epoche gewesen seien, dass dies jedoch nicht zwangsläufig bedeute, sie wären auch die besseren gewesen: " ...vielleicht trifft sogar das Gegenteil zu: oft vermag die Intensität eines Gedichts von drei, vier Zahlen die Mauer der Zeit zu durchbrechen."

Paz hat sich über kurze und lange Gedichte nicht eindeutig festlegen wollen. Und bei aller Verführung, die für ihn von Eliot, Góngora und anderen ausging, scheint ihm klar gewesen zu sein, wie kostbar einige seiner poetischen Miniaturen waren: "Meine Schritte in dieser Straße / Hallen wider / In einer anderen Straße / Wo / Ich meine Schritte / Durch diese Straße gehen höre // Wo // Nur der Nebel wirklich ist". Oder, orientiert an Coplas des von ihm verehrten Spaniers Antonio Machado: "In ihrem Ankleidezimmer, / einer kristallenen Zelle, / schlafen alle Dinge, / nur nicht die Scheren."

1990, in seiner Nobelpreisrede, hatte Paz gesagt: Lyrik ist verliebt in den Augenblick, ihm versucht sie, unentwegt frisches Leben einzuhauchen. So entrückt sie ihn allen zeitlichen Zusammenhängen und verfestigt eine dauerhafte Gegenwart." Derartige Vorstellungen kommen dem Begriff Sekundengedicht nahe, wie ihn der brasilianische Avantgardist Oswald de Andrade geprägt hat, schon in den frühen zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Das Sekundengedicht ist ein sensualistisches Gedicht. Ganz wie ein Haiku. Oder wie ein imagistisches Gedicht im Sinne Ezra Pounds. Beziehungsweise wie ein Bildgedicht Giuseppe Ungarettis oder Federico García Lorcas.

Paz mangelte es gewöhnlich an Sinnesfrische. Ihm gelang es nur dann und wann, einen spontanen Zugriff aufs konkrete Leben zu tun und aus dem Strom der Zeit einige Partikel körniger Realität ins Licht poetischer Erkenntnis zu bringen. Peter Rühmkorf hat einmal definiert, Paz sei "ein Augenblicksanbeter ohne Augen". Das gilt für den größten Teil des Werks dieses berühmtesten Poeten Mexicos. Im Gegensatz zu seinem Landsmann Carlos Pellicer, dem farbensprühenden Vitalisten der amerikanischen Tropen, war Paz überwiegend ein Rhetor ratlosen Meditierens und einer sich unentwegt abspulenden Rede, ein Phänomen, das ihm selber nicht verborgen blieb: "Und mein Denken, das galoppiert und galoppiert und kommt nicht vom Fleck... / es erhebt sich wieder / und stürzt sich erneut in die stockenden Wasser der Sprache..."

Paz war einer der scharfsinnigsten Kulturmorphologen seiner Epoche. Er bewunderte Schopenhauer und Nietzsche, kannte sich aus in Religion, Mythos, Geschichte, Völkerpsychologie, Kunst, Politik und strukturalistischer Methodik; kurz, er war der bedeutendste Universalist Hispano-Amerikas, stimuliert von Ortega y Gasset, dem spanischen espectador, der ihm schon früh angeraten hatte: "Fangen Sie an zu denken. Alles andere können Sie vergessen."

Das Schreiben von Gedichten fiel Paz mit den Jahren immer schwerer, und wenn seine Essays auch in poetischer Anschaulichkeit brillierten, so geriet doch in seine Lyrik zu viel Diskursives. Sein Vorwurf gegen die Wandmalerei José Orozcos ließe sich abgewandelt auf seinen eigenen Darstellungsstil übertragen: Das Gefühl habe sich in seine Idee verwandelt, in ideologischen und didaktischen Ballast.

Im Bewusstsein, einer Nation von Mestizen anzugehören, nannte Paz die Mexikaner "ein kastilisches Volk mit aztekischen Streifen". Anders als die meisten lateinamerikanischen Intellektuellen insistierte er nicht auf einer radikalen kulturellen Abnabelung vom Mutterland Spanien; auch nahm er dem nördlichen Nachbarland USA gegenüber keine extrem schroffe Haltung der Ablehnung ein. Vielmehr ließ ihn seine Identitätssuche anderweitig fündig werden: in Asien, vor allem in Indien, wo er im Buddhismus eine Geisteshaltung antraf, die den manifesten Ich-Vorstellungen des Westens konträr war wegen ihrer spirituellen Wesenlosigkeit: "Die Ideen zerstreuen sich, / es bleiben die Gespenster: / Wahrheit des Gelebten und Erlittenen. / es bleibt ein fast leerer Geschmack: / die Zeit / - geteiltes Rasen - / die Zeit / - geteiltes Vergessen - / endlich verwandelt / in die Erinnerung und ihre Inkarnationen ..."

Die Langgedichte von Paz sind merkwürdige Konstrukte, in denen keinesfalls wie ihr Verfasser meinte, "die Vielfalt ihre Fülle erlangte, ohne dabei die Einheit zu zerbrechen". Wenn, wie Paz wusste, das "lange Gedicht ursprünglich ein episches Gedicht" war, dann fehlt seinen long poems ein zusammenhängender substanzieller Inhalt. Man merkt seinen Langgedichten zu viel Mühe und Vorsätzlichkeit an. So hat er zum Beispiel sein berühmt gewordenes Poem "Sonnenstein" darauf hin abgezirkelt, genau 584 Elfsilber zu erbringen - exakt so viele wie der am Umlaufzyklus der Venus orientierte altmexikanische Kalender Tage zählte.

In dem Gedicht "Weiß", das, laut Pere Gimferrer, vom Schweigen zum Schweigen führt, findet sich - gleich eingangs - die linguistisch-puristische Gnome: "das wort ohne namen ohne rede". Das mutet an wie eine fernöstliche Trappistenformel, die Ordensregel eines Himalaja-Klosters.

Bedeutsamer als die tiefsinnigen Langgedichte sind für mich die prägnanteren der Kurzgedichte und, in den Langgedichten, gewisse gehaltvolle Einsprengsel, die sinnlich und/oder geistig nachvollziehbar bleiben und für die nicht gilt, was der Autor selber einmal konstatiert hat in einer werk-diagnostischen Einsicht: "ich komme vom Hundertsten ins Tausendste / über die Hängebrücke elfsilbiger Verse ..."

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