Welt : Das geht auf die Knochen

Miserable Schneeverhältnisse und Pistenrowdys machen Wintersport zu einem gefährlichen Vergnügen

Annette Kögel

Auf den Skipisten rinnen Schmelzwasserbäche im matschgrauen Schnee gen Tal, Vögel zwitschern, Frühling liegt in der Luft. Skikanten schneiden ins Gras statt in Neuschnee, und überall kommen Steine durch. Wegen des warmen Winters sind viele Pisten in den Alpen gesperrt – und auf jenen, die man dank Kunstschneekanonen befahren kann, wird es eng. Sehr eng. Auf Österreichs Skipisten haben sich allein im Dezember 9000 Menschen verletzt, auch deshalb, weil sie mit anderen Wintersportlern kollidierten oder bei Ausweichmanövern die Balance verloren. Drei Menschen kamen ums Leben. Das sind doppelt so viele Unfälle im Schnee wie im Dezember des Jahres 2003, warnte gerade die Skiregion Pyhrn-Priel in Oberösterreich.

Zu den Unfallopfern in Urlaubsgebieten gehörte jüngst Hessens Ministerpräsident Roland Koch. Den CDU-Landesfürsten hat ein italienischer Skifahrer auf der Skipiste seines Südtiroler Feriendomizils Corvara umgefahren. Koch erlitt dabei einen Nasenbeinbruch, eine Wunde im Gesicht musste genäht werden. In diesem Winter werden mehr Sportler im Schneeanzug als sonst mit Akia-Rettungschlitten und Helikopter ins Klinikum transportiert. Schon sonst gibt es in jeder Saison in Österreich rund 90000 Verletzte und 30 Tote im Wintersport, teilt das Wiener Kuratorium für Verkehrssicherheit mit. Die meisten Wintersportler zogen sich die Verletzungen durch selbst verursachte Stürze zu. Bislang machte die Zahl der Zusammenstöße acht Prozent aus, sagen die Experten. Diesen Winter wird sich das Verhältnis verschieben. 80 Prozent der Verletzten sind Skifahrer, die übrigen hatten ein Snowboard angeschnallt.

„Kollisionen sind ganz klassische Unfallmechanismen, erst recht jetzt, wo sich so viele Leute auf den wenigen Pisten drängen“, sagt Michael Blauth, Vorstand der Universitätsklinik für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie in Innsbruck. „Die Patienten haben teils schwerere Verletzungen als sonst, weil der Schnee als Puffer fehlt.“ Immer wieder komme es auch vor, dass teils alkoholisierte Skifahrer gegen Masten oder Pistenraupen prallen, dass beschwipste Rodler gegen Bäume rasen. Doch gerade wenn es wegen Schneemangels eng wird, zeigt sich, woran es vielen Sportlern fehlt: an Rücksichtnahme und realistischer Einschätzung eigener Fähigkeiten.

Da ratschen Skifahrer Snowboardern rücksichtslos übers Brett, halten Snowboarder keinen Sicherheitsabstand, schwingen Sportler über statt unter Wartenden am Hang ab, drängeln Ungeduldige unten am Lift vor. Österreichs Ski- und Snowboardfahrer sind zunehmend besorgt, an einem Unfall auf der Piste beteiligt zu sein, das ergab eine Umfrage der Merkur-Versicherung – noch vor diesem ausgefallenen Winter. Demnach meinen 58 Prozent der befragten Skiurlauber, dass „die Gefahr auf den Pisten in letzter Zeit zugenommen hat“.

Woran das liegt? Die Experten des Instituts „Sicher leben“ im Verkehrssicherheitskuratorium Wien wissen das. Generell fahren viele Leute unsicher und seien untrainiert, weil sie sich nach langer Sportpause vor den Skiferien nicht vernünftig mit Skigymnastik vorbereiten. Wer mittags erschöpft in die Hütte einkehrt, kann das Unfallrisiko noch erhöhen. Dann nämlich, wenn Erschöpfung und Alkohol eine gefährliche Allianz eingehen. Allein zwischen 14 und 16 Uhr ereignen sich 38 Prozent aller Unfälle. „Das Verletzungsrisiko ist am Nachmittag doppelt so hoch wie am Vormittag“, weiß Institutsexperte Michael Baumgartner. Die wenigsten Skifans sind sich dessen bewußt. „Ein Drittel der Sportler hat zudem noch nie etwas von den Pistenregeln gehört“, sagt Baumgartner.

Viele Skigebiete haben Aktionen zur Sicherheit gestartet. „Safer Snow – More Fun“ heißt der Arbeitskreis von Seilbahn- und Skiverband, Bergrettung, Sportartikelindustrie, Bildungsministerium und Naturfreunden aus der Wintersportbranche in Österreich. In Deutschland wendet sich der Deutsche Alpenverein (DAV) an seine Klientel. Denn nicht nur trendige Extremsportler mit Snowkites oder Airboards verunglücken, sondern auch naturbegeisterte Skiroutengänger, die mit Steighilfen am Rand der überfüllten Pisten in höhere Lagen mit Schnee hinaufsteigen: Sie sind für die, die von oben runterkommen, ein unerwartetes Hindernis. Die Anzahl von Skitourengehern auf präparierten Pisten nehme kontinuierlich zu, sagt DAV-Sprecherin Andrea Händel.

Inzwischen sollen neue Gesetze und Regeln die Harmonie am Hang erhöhen. Die Verbraucherzentrale Südtirol wirbt für den neuen „Skifahrerkodex“. Und weist auf ein österreichisches Staatsgesetz hin: Ab Sommer soll ein neues Gesetz greifen, nach dem Helmpflicht für Jugendliche unter 14 Jahren besteht. In Italien werden Verstöße schon mit Verwarnungsgeldern ab 30 Euro aufwärts geahndet. Pistenbetreiber müssen eine Haftpflichtversicherung abschließen; Variantenfahrer abseits der Pisten mit einem Lawinenpiepsgerät ausgerüstet sein. Wie heißt es außerdem in der neuen Vorschrift? „Das Rasen wird untersagt.“ Wenigstens das verbietet sich derzeit in vielen Skigebieten auf den schmalen Kunstschneebahnen mangels Platz von selbst.

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