Welt : Das Geisterschiff

Eine Yacht ohne Besatzung wurde vor Australien entdeckt. Was geschah mit den Menschen an Bord?

Alexander Hofmann

Der Motor tuckerte im Leerlauf, das Essen stand auf dem Tisch, ein Laptop war eingeschaltet, alles war so, wie es auf einem luxuriösen Katamaran sein sollte – nur von der Besatzung fehlte jede Spur. Die Saga vom „Geisterschiff“ sorgt jetzt in Australien für Aufregung, seit ein Dokumentarfilm-Team des australischen Fernsehens die auf den Wellen dümpelnde Yacht Kaz II. zufällig am Mittwoch entdeckt hatte, als sie mit ihrem Helicopter über das Schiff flogen. Am Freitag ging ein Rettungsteam an Bord der Yacht, konnte aber keine Spur der drei Besatzungsmitglieder finden. „Unheimlich“ war das Wort, das von den Helfern am häufigsten bei der Beschreibung des Zustandes der Kaz II. benutzt wurde, „unheimlich“ sei es, dass außer einem zerrissenen Vorsegel kein Schaden zu finden war, dass selbst Rettungswesten noch an Bord waren, dass es so aussah, „als ob jemand das Boot einfach verlassen hätte“, wie Hubschrauberpilot Trevor Wilson berichtete. „Es sieht nicht so aus, als ob es ein großes Desaster gegeben habe, im Moment ist das Ganze einfach nur ein Geheimnis“, sagte der zuständige Polizeichef Roy Wall.

Die Yacht war rund 150 Kilometer vom Festland entfernt in der Nähe des berühmten Great Barrier Reefs, des größten Korallenriffs der Welt, entdeckt worden. An Bord sollen drei Männer im Alter zwischen 56 und 69 Jahren aus dem westaustralischen Perth an Bord gewesen sein. Das Schiff hatte das gut 200 Kilometer südlich gelegene Airlie Beach am vergangenen Sonntag verlassen und befand sich auf der tausende Kilometer langen Reise rund um Australien nach Perth. Townsville wollten sie als erste Zwischenstation ansteuern.

Nach der Entdeckung der verlassenen Yacht wurde eine groß angelegte Suche in Gang gesetzt, um die drei Männer zu finden. Bis Freitagabend hatte der Einsatz von zehn Flugzeugen und zwei Hubschraubern noch keinen Erfolg gebracht. Am Wochenanfang war in der Unglücksgegend das Wetter zwar schlecht, der Wind mit bis zu 50 Kilometer allerdings nicht so heftig, dass erfahrene Segler auf einer seetüchtigen Yacht notwendigerweise in große Schwierigkeiten kommen würden. Möglicherweise könnte das ebenfalls noch an Bord befindliche, voll funktionstüchtige Satellitenpositionssystem Auskunft darüber geben, welche Route die Yacht genommen hat und damit das derzeit gewaltige Ausmaß des Suchgebiets deutlich einschränken. Immerhin ist es im tropischen Norden Australiens jetzt noch angenehm warm, so dass die drei Männer gute Chancen hätten, wenn sie denn noch leben.

Inzwischen ist das „Geisterschiff“ bereits als „Australiens Mary Celeste“ beschrieben worden. Der Segler gleichen Namens war 1872 vor der Küste von Portugal gefunden worden, die Besatzung, zu der auch drei Deutsche gehörten, war spurlos verschwunden. Das Mysterium hat unzählige Theorien hervorgebracht, von einer Meuterei über einen Piratenangriff bis zu Entführungen durch Außerirdische. Für zusätzliches Interesse sorgte Sherlock-Holmes-Erfinder Sir Arthur Conan mit einem Buch über das Verschwinden der Besatzung. 1935 wurde die Geschichte als „Das Geheimnis der Mary Celeste“ mit Horror-Film-Schauspieler Bela Lugosi als Kapitän Benjamin Briggs in der Hauptrolle verfilmt.

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