Welt : Das Handy – der Partykiller?

Dauerndes mobiles Telefonieren verändert das Verhalten der Nachtschwärmer. Ein Fall für die Wissenschaft

Andreas Oswald

Freitag, 24 Uhr, in der VIP-Schlange vor dem Berliner Club 90 Grad: Große Menschentrauben stehen vor dem Eingang, erhoffen Einlass zu einer Party, die das wichtigste Event an diesem Abend in dieser Stadt ist.

Noch. Um 0 Uhr 20 gibt es die erste Irritation: Ein Model verlässt den Club, mit strahlenden Augen, als erwarte es woanders eine wichtigere Party. Dem Veranstalter vom 90 Grad ist Panik in den Augen anzusehen. „Wo gehst du hin?“, fragt er. „Ich hab’ gerade einen Anruf auf dem Handy bekommen, ich geh’ auf eine andere Party“, antwortet sie. Allen, die die Szene mitbekommen, wird schlagartig klar, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach an diesem Abend am falschen Ort sind, die letzten Informationen verpasst haben.

Segen und Fluch

Ein Jungstar aus dem Sat1-Vorabendprogramm hat das nicht mitbekommen. Mit Freunden und Frauen im Tross hält er wenige Minuten später Einzug in den Club. Große Party ist angesagt. Dann klingelt auch im Promi-Tross bei einer Frau das erste Handy. Schlagartig macht sich die ganze Truppe auf, verlässt fluchtartig den Club und begibt sich dorthin, wo in dieser Nacht wirklich die richtigen und wichtigen Leute sind.

Das Handy – ein Partykiller? Verführt das Mobiltelefon die Menschen dazu, jederzeit Pläne zu ändern? Jederzeit das bessere Vergnügen zu suchen, kurzfristig Verabredungen abzusagen, um neue, interessantere zu treffen? Erzieht das Handy zur Unverbindlichkeit?

Der „Spiegel“ hat in einem Bericht diesen Schluss nahe gelegt. Jugendliche sammelten den Tag über Vergnügungsangebote, „man lässt sich bitten, sondiert den Markt – alles offen bis zum letzten Moment“, schreibt der „Spiegel“. Damit sei „eine gewisse Melancholie ins Sozialleben eingekehrt“, heißt es dort, „jedes Treffen steht unter Vorbehalt“.

Zerstört das Handy tatsächlich die Fähigkeit, verbindliche und vertrauliche Beziehungen einzugehen? Leistet es einer Beliebigkeit Vorschub, die nur noch das kurzfristige Vergnügen kennt und ihm alles andere unterordnet? Es ist erstaunlich, welche kulturpessimistischen Reflexe das Thema Handy immer noch provozieren kann – viele Jahre nach seiner Einführung und viele Jahre nach seiner allgemeinen Akzeptanz.

Dabei ist unstrittig, in welch gewaltiger Weise das mobile Telefonieren die Welt verändert hat. Potenziell kann jeder jeden jederzeit erreichen und ansprechen – ein Segen und ein Fluch. Die Möglichkeiten, mit Menschen zu reden, vervielfachen sich. Kommunikative Menschen können ihrer Redelust jederzeit nachgehen. Chefs können ihre Firma aus jedem Winkel der Welt heraus steuern, Mitarbeiter sind auch an freien Tagen jederzeit anrufbar, der Ehepartner kann mit Liebesgeflüster und Kontrollanrufen Terror ausüben. Wer sein Handy abstellt, so beklagen viele, verärgert seine Umwelt. Gleiches tut, wer es nicht abstellt, zum Beispiel in der Oper. Wer eine Verabredung absagen will, kann das noch eine Stunde vorher tun und sich auf diese Weise seine Zeit bis zuletzt für andere Möglichkeiten offen halten. Wer nach langer Zeit einen geliebten Menschen wiedersehen wird, kann eine Stunde vorher durch einen ungeduldigen Anruf aus dem Auto die anschließende Wiedersehensfreude zerstören, die eigentlich dadurch entsteht, dass man lange Zeit gerade nicht miteinander geredet hat.

Der finnische Sozialwissenschaftler Timo Kopomaa von der Helsinki University of Technology hat ein Standardwerk über die Auswirkung des mobilen Telefonierens auf die moderne urbane Gesellschaft geschrieben („The City in Your Pocket: Birth of the Mobile Information Society“). Auch er sieht die Veränderungen kritisch, sieht aber gleichzeitig neue Chancen. Einerseits entstehe eine „Kultur der Unterbrechungen“. Andererseits könnten Situationen jederzeit zugunsten neuer Situationen aufgelöst werden, je nachdem, wie sich die Lage ändert. Die Zukunft sei eine Serie offener Möglichkeiten und „das Mobiltelefon ist zunehmend unabdingbar, um diese Möglichkeiten wahrzunehmen und Prioritäten zu setzen“. Der urbane Raum werde zu einem „öffentlichen Wohnzimmer“. Die Menschen maximierten mit dem Handy ihr Kontaktpotenzial. Das Bedürfnis dahinter sei nicht nur das Bedürfnis nach Kontakt, sondern das Bedürfnis nach dem Gestalten eines autonomen Lebens. „Das Mobiltelefon wird benutzt, um Potenziale, die das Leben bietet, besser auszuschöpfen und gleichzeitig das Gefühl zu minimieren, möglicherweise etwas zu verpassen“, schreibt Kopomaa.

Die Gefühle der Männer steuern

Er widerspricht auch der These, das Handy ersetze authentische Beziehungen. „Menschen rufen in der Regel jemanden an, den sie gerne treffen möchten, oder den sie demnächst treffen werden. Das Mobiltelefon bringt außerdem Freundeskreise öfter und in größeren Gruppen zusammen.“ Kopomaa sieht die Entwicklung positiv: „Das Mobiltelefon fördert und intensiviert einen vergnügungsorientierten urbanen Lebensstil, bei dem man sich in Clubs, in Lounges und auf Partys trifft.“

Widerspruch gegen den Kulturpessimismus erhebt auch der Psychoanalytiker Micha Hilgers. Die Qualität von Beziehungen hänge von der Beziehungsfähigkeit und dem Beziehungsstil jedes Einzelnen ab, sagte er dem Tagesspiegel. Das Handy sei nur ein Instrument. Mit ihm könnten Beziehungen gepflegt oder misshandelt werden wie mit jedem anderen Kommunikationsinstrument auch. Nicht jeder nutze das Handy, um einen unverbindlichen Lebensstil zu pflegen. Hilgers warnte davor, das Verhalten von Jugendlichen zu verallgemeinern. Er warnte auch vor einer einseitig negativen Betrachtungsweise, wenn Jugendliche sich verschiedene Möglichkeiten offen hielten. Das Handy ermögliche Verhaltensalternativen und neue Formen, das Leben zu organisieren. Die Jugendlichen entwickelten damit Beziehungskompetenz und Flexibilität.

Die kann für Eltern teuer werden.

Ein Handy ist eine Herausforderung: Eine Frau trifft sich mit einem neuen, interessanten Mann. Da ruft ihr abwesender Freund sie auf dem Handy an. Sie vertröstet ihn liebevoll, so, dass er sich nicht herabgesetzt fühlt, und der andere Mann, der zuhört, merkt, wie gut sie Männer in schwierigen Situationen behandelt. Mit einem Handyanruf die Gefühle zweier Männer steuern – das erfordert Fingerspitzengefühl.

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