Das ist mein Kind : Schlechte Mutter aus Leidenschaft

Als Mutter kann man nichts richtig machen. Jeder hat etwas zu sagen, alle möchten sich einmischen. Das reicht. Ein Kommentar.

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Mütter müssen auch mal Luft rauslassen.
Mütter müssen auch mal Luft rauslassen.Foto: fotolia / pathdoc

Ohne Bier hätte ich die Party nicht ertragen. Alle tranken welches und ich wollte einfach dazugehören. Dass meins alkoholfrei war, machte mir nichts aus. Den kinderlosen Unschwangeren schon. Man riet mir das Bier nicht zu trinken, denn auch da sei etwas Restalkohol drin. Das weiß man doch. Das ging schnell. Schon war ich die verantwortungslose Schwangere. Und an solche Urteile sollte ich mich gewöhnen.

Babys lassen persönliche Grenzen verschwinden, sie werden ständig übertreten und das schon während der Schwangerschaft. Fremde Menschen fassten ungefragt meinen Bauch an, fragten wie viel ich schon zugenommen habe und rieten mir von meinem Salamibrot ab. Und diese kritischen Blicke, während ich genüsslich meinen morgendlichen Kaffee trank, als würde ich damit den Schwangerschaftsabbruch einleiten.

Ich war zwar darauf eingestellt, dass andere Menschen vermeintlich gut gemeinte Ratschläge geben werden. Doch jetzt war es so, als ob ich mit Schwangerschaftseintritt versehentlich mein Facebook-Profil von „privat“ auf „öffentlich“ gestellt hätte, ohne dabei einen Gedanken an die fehlenden Datenschutz-Richtlinien zu verschwenden.

Wer mich während der Schwangerschaft schon für einen schlechten Menschen hielt, der sollte erstmal die Geburt abwarten. Beckenendlage. Keine natürliche Geburt. PDA und Kaiserschnitt. Weil es mit dem Stillen nicht klappte, bekam das Kind nach drei Tagen Milchpulver aus dem Fläschchen, zur Beruhigung einen Schnuller und schon bald wurde es geimpft. Alles hatte gute Gründe. Trotzdem erfülle ich für einige Menschen viele der selbst aufgestellten Kriterien einer schlechten Mutter. Für die bin ich charakterlich nicht weit weg von Darth Vader, Gargamel oder Game of Thrones-Bösewicht Joffrey Lannister. Und Letzterer hätte sein eigenes Kind vermutlich sogar gegessen.

„Eines wissen alle Eltern auf der Welt: wie die Kinder anderer Leute erzogen werden sollten.“

Als Mutter wurde mir die Bedeutung des Zitats von Kindheitsforscherin Alice Miller erst richtig bewusst: „Eines wissen alle Eltern auf der Welt: wie die Kinder anderer Leute erzogen werden sollten.“ Was ergänzt werden könnte: Man kann dabei eigentlich nichts richtig machen. Das Kind ist zu warm oder zu kalt angezogen. Es ist zu dick oder zu dünn, der Hinterkopf zu platt. Es schläft noch nicht durch und sitzt zu früh im Buggy.

Schlimmstenfalls besucht das Kind schon mit einem Jahr die Kita. Wer sich im Pekip-Kurs darüber auslässt, sollte aufpassen, denn die Mehrheit der deutschen Mütter geht arbeiten. Der andere Teil gehört zu den Vollzeit-Mamas und wird dafür verurteilt, eben nicht zu den arbeitenden Müttern zu gehören. Klar, dass das Kind da nicht durchschläft. In beiden Fällen. Ob man arbeiten geht oder den ganzen Tag für das Kind da ist – man kann einfach nichts richtig machen.

Lasst uns in Mutterfrieden

Jede Kleinigkeit wird kommentiert, kritisiert und bewertet. Ist der Buggy nach vorne hin gerichtet, überfordert man das Kind mit der Außenwelt; schaut das Kind im Wagen zur Mama, sieht es nichts von seiner Umgebung. Schlafen die Kinder mit drei Jahren noch im Elternbett, werden sie verwöhnt; nutzt man das eigene Kinderzimmer, werden sie abgeschoben.

Es geht euch nichts an, wenn der kleine Linus mal aufs Tablet patschen darf oder Mia auf dem Spielplatz genüsslich in den Dreck beißt. Es ist nicht euer Bier (alkoholfrei natürlich), ob andere Kinder gestillt werden oder nicht, sie am Plastik- oder am Naturkautschuk-Schnuller nuckeln. Wir tunken ihn immerhin nicht in Schnaps, damit das Kind ruhiger schläft. Wir kutschieren unsere Babys sicher im Autositz von A nach B, statt sie einfach ins Auto zu legen. Gehen nicht feiern, während das Kind allein Zuhause schläft. Und man beugt sich nicht mehr mit Fluppe über die Babywiege. Außer vielleicht bei RTL II.

Nichts gegen Ratschläge, wenn wir danach fragen. Wenn wir uns beispielsweise sorgen, ob der Milchschorf noch normal ist, die Zahnschmerzen der Grund für das nächtliche Geschrei sind oder das Kind noch kein Wort gesprochen hat. Unterschwellige Kritik unerwünscht! Wenn ihr das Mutterglück anderer einfach nicht ertragen könnt oder kein Verständnis habt, weil ihr (noch) keine Kinder und damit einfach keine Ahnung habt oder kompensieren wollt, was ihr in den 70er Jahren mit euren Kindern falsch gemacht habt, dann schreibt Tagebuch, geht eine Runde laufen oder kauft euch einen Stressball. Lasst die Eltern füttern, erziehen und arbeiten wie sie wollen.

Schlimmstenfalls nehmen Mütter sich die Kritik nämlich zu Herzen. Dabei zweifelt man als junge Mutter sowieso oft an der eigenen Kompetenz. Es trägt nicht gerade zum Selbstbewusstsein bei, wenn die eigenen Entscheidungen von anderen ständig hinterfragt werden. Zu unrecht. Man macht ziemlich viele Dinge intuitiv richtig. Und auch mal falsch. Passiert.
Uns auch. Trotzdem hat unser Sohn jetzt schon eineinhalb Jahre in unserer Obhut überlebt. Mama und Papa gehen arbeiten. Er ist gesund und lacht viel. Wenn mein Eindruck mich nicht trügt, ist er sogar glücklich. Das gilt auch für die Kinder unserer Bekannten und Unbekannten. Obwohl und weil sie Dinge anders entscheiden. Vielleicht machen wir doch etwas richtig.




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