Welt : Das Lächeln des Filous

Restaurant-Chef Kolja Kleeberg über seine Trauer

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Lebenslustig, nonchalant, das Lächeln eines Filous – so war Bernard Loiseau in meinen Augen. Allerdings bin ich ihm nie begegnet. Wir haben beide bei der englischen Sendung „Planet Food“ mitgemacht, nur nacheinander. Ich sollte über die Entwicklung Berlins und die deutsche Küche sprechen. Im Vorfeld sah ich mir die Aufzeichnung von Loiseau an, der Frankreich repräsentierte. Ein sympathischer Mann, den zu besuchen ich mir vornahm. Als ich von seinem Suizid hörte, war ich bestürzt. Persönlich betroffen, obwohl ich ihn nur als der Ferne kannte. Dann las ich den Vorwurf von Paul Bocuse, der gut mit Loiseau befreundet war. Die Kritiker seien schuld an dessen Selbstmord. – Ich glaube fest daran, dass es nicht so einfach ist. Dieser Mann hätte sich nicht mit seinem Jagdgewehr erschossen, wenn es nicht schwerwiegendere Gründe gegeben hätte. Ich glaube, dass Loiseau Existenzängste hatte. Vielleicht war er in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Er war expandiert. Und ist zum Schluss noch an die Börse gegegangen. Das weist zum einen darauf hin, dass er Liquidität brauchte; zum anderen forderte es ihn aber noch mehr als Unternehmer, denn als Koch und das klappt nicht immer. Wenn dann noch zwei Punkte in seinem Haupthaus fehlen, fürchtete er vielleicht den Untergang. Hätte wirtschaftlich alles funktioniert, hätte er eher versucht, dem Kritiker eins überzubraten, aber nicht, sich das Leben zu nehmen. Vielleicht ist diese Diskussion die Gelegenheit für Kritiker, sich ihrer Veantwortung wieder einmal bewusst zu werden. Sie wollen, dass man 300 Tage in der Küche steht, sich den Beruf zum Lebensinhalt macht. Wenn es dann aber einen gibt, der das tut, wie Bernard Loiseau, dann dürfen sie ihm nicht ihre Liebe entziehen.

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