Welt : Das Land wollte eigentlich die Affären vergessen - es gelingt nicht

Thomas Roser

Als "frohe Botschaft" eines neuen Belgien feierte die Landespresse am vergangenen Wochenende nach Jahren der Skandale die Vermählung von Kronprinz Philippe mit der adeligen Mathilde. Die Belgier wollten eigentlich mit der Hochzeit die Affären um Kinderschänder wie Dutroux vergessen, die das Land in eine tiefe Krise gestürzt hatten. Doch ausgerechnet der Traugottesdienst des Prinzenpaars hat in dem Königreich neuen Wirbel verursacht: Der Priester, der in der Kathedrale vor einem Millionenpublikum vor dem Fernseher den Kirchenchor leitete, soll als Leiter einer Pfadfindergruppe mehrmals minderjährige Kinder sexuell belästigt haben.

Wie die Tageszeitung "De Morgen" am Dienstag berichtete, sei der Priester bereits im Juni wegen mehrfacher Sittendelikte angeklagt worden. Nur weil er einer psychatrischen Behandlung zustimmte und einwilligte, ohne Aufsicht keinen Kontakt mehr zu Jugendlichen unter 16 Jahren zu unterhalten, habe die Staatsanwaltschaft auf eine Untersuchungshaft verzichtet. Zwei frühere Mitarbeiter seiner Pfadfindergruppe seien wegen Missbrauchs mehrerer Kinder bereits zu Gefängnisstrafen auf Bewährung verurteilt worden, die Ermittlungen gegen den 46jährigen seien hingegen noch nicht abgeschlossen.

Seit der Aufdeckung des Kinderschänderrings um Marc Dutroux 1996 reagiert Belgiens Öffentlichkeit auf pädophile Sexualverbrechen sehr empfindlich.

Die Eltern der betroffenen Kinder trauten ihren Augen nicht, als sie den Priester im Fernsehen sahen. Seit 1992 liefen Untersuchungen gegen den Mann. "Das ist eine Kirche, die die Leute brüskiert," empörte sich ein Angehöriger der von dem Priester betreuten Kinder darüber, dass der angeklagte Mann bei der Hochzeitsmesse eine derart prominente Rolle spielen durfte: "Da steht so ein Mann ganz vorne in der Kirche - bei einer Hochzeit, die uns glauben machen sollte, das es in Belgien auch noch schöne Dinge zu erleben gibt."

Unterdessen rätseln die Belgier mit welchem Ziel das königliche Paar zu seiner Hochzeitsreise aufgebrochen ist. Während offiziell von einem "unbekannten Ort" gesprochen wurde, hielten sich hartnäckig Spekulationen, nach denen das Kronzprinzenpaar nach Polen fuhr, die Heimat von Mathildes Mutter. Spekulationen, nach denen die Jungvermählten nach Oberägypten reisten, erwiesen sich zuvor als unbegründet.

Das Prinzenpaar hatte noch am Samstagabend an einem großen Empfang auf Schloss Laeken in Brüssel teilgenommen. Nachdem sich das Königshaus während der Hochzeitsfeierlichkeiten ungewöhnlich offen gezeigt und sogar TV-Kameras im Stadtschloss zugelassen hatte, gab es nun nach der Hochzeit keine Informationen mehr. Ein Beoabachter sprach von "perfekter Geheimhaltung".

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