Welt : Das Leben ist ein Lächeln

Leben Optimisten besser? Was Experten über den Film „Happy-go-lucky“ sagen

Adelheid Müller-Lissner

Manche gehen fröhlich aus diesem Film, beschwingt von der Vitalität einer lebensbejahenden, zugewandten, optimistischen Frau. Andere haben schon während der Vorstellung Gefühle, die bei der Heldin selbst wohl nie im Leben aufkommen würden: Sie sind entnervt von so viel glücklicher Aufgedrehtheit und Leichtigkeit des Seins, sie finden den ungebremsten Frohsinn albern, aufgesetzt und schwer erträglich. „Happy-go-lucky“ ist diese Polly, was für Engländer soviel bedeutet wie: unbeschwert, sorglos, unbekümmert. Und so heißt auch der neue Film von Mike Leigh, dem britischen Regisseur, den die Filmwelt bisher eher als unerbittlichen Sozialkritiker kannte. Nun zeigt er eine 30-jährige, schrill gekleidete Grundschullehrerin aus Nord-London, die ihre positive Haltung niemals verliert, was auch immer passiert. Sie wird nicht einmal wütend, als sie realisiert, dass jemand ihr Fahrrad gestohlen hat. Sollte man nicht wenigstens ganz kurz traurig sein, einmal nicht einverstanden sein mit dem Lauf der Welt, wenn das liebe alte Fahrrad für immer weg ist? Polly sagt nur kurz: „Schade, dass ich mich nicht verabschieden konnte“.

Dann geht sie mit ihren Freundinnen etwas trinken und nimmt halt Fahrstunden, wo das Fahrrad nun mal weg ist. Das Regal mit den Lebenshilfe- und Ratgeber-Büchern hat sie bei ihrem Besuch in der Buchhandlung zwar gerade noch mit Verachtung gestraft. Doch sie reagiert so entspannt, als hätte sie gerade ein Buch wie „Die Glücksformel“ gelesen und gelernt, dass es eh nichts hilft, wütend zu werden: „Keinem wissenschaftlichen Psychologen gelang es jemals, Belege für eine entlastende Wirkung der angeblichen Sicherheitsventile Tränen und Wut zu finden“, referiert der Berliner Autor Stefan Klein den Forschungsstand.

Die Experten geben Polly Recht. Polly lacht bei der Krankengymnastik selbst unter großen Schmerzen. Sie lässt sich in ihrem ungebremsten Optimismus einfach nie unterkriegen. „Schmerzen sind ein Warnsignal des Körpers, wir sollten schnell etwas gegen sie unternehmen. Dann sollten wir aber nicht auf dem Schmerz beharren, denn er ist etwas, was man unbedingt loskriegen muss“, sagt die Charité-Psychiatrie-Professorin Isabella Heuser.

Leben optimistische Menschen wie Polly also besser – auch wenn sie von manchen Leuten bisweilen als Nervensägen empfunden werden? „Ich glaube ja“, sagt Heuser. „Die Film-Polly ist sicher überzeichnet. Aber wenn wir überlegen, zu welchen Menschen wir uns hingezogen fühlen, dann sind es immer wieder diejenigen, die andere mitreißen können, die Gruppen dank ihrer positiven Ausstrahlung zusammenbinden. Man nimmt es diesen Menschen auch nicht so übel wie anderen, wenn man mit ihren Vorschlägen einmal eine schlechte Erfahrung macht.“

Eine solche vitale, stets aktive, extrovertierte Person aus dem wirklichen Leben ist für Isabella Heuser zum Beispiel die Professorin und Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan. „Sogar das kindliche Element, das oft zu einer solchen Persönlichkeit gehört, bringt sie mit ihrer Frisur ansatzweise zum Ausdruck.“ Menschen mit einer kindlichen Ausstrahlung rühren nach Ansicht der Psychiaterin ihre Umgebung, weil sie den Eindruck erwecken, spontan und aus ihrem Gespür heraus zu leben. Und weil ihr Optimismus etwas Zukunftsweisendes ausstrahlt.

Kann man es lernen, so unbekümmert zu sein? Man könne schon ein wenig trainieren, das halbleere Glas als halbvoll anzusehen, meint Heuser. „Unsere Persönlichkeit können wir aber nicht völlig verändern. Und schon gar nicht von heute auf morgen, nur weil wir einen Film gesehen haben, der uns beschwingt nach Hause gehen lässt.“ Wen das animiere, sich ein paar Coaching-Stunden zu gönnen, der habe schon bessere Chancen.

Bei so viel Lob vitaler Frohnaturen liegen Missverständnisse nahe. „Die beliebte Devise ‚Think positive’ reicht nicht, um einem Menschen aus einer Depression herauszuhelfen“, sagt Heuser. Und es gibt eine echte Gefahr für Menschen, die sich – wie Polly in der grandiosen Darstellung von Schauspielerin Sally Hawkins – dem „Dauerflirt mit dem Leben“ verschrieben haben: Wo eine extrovertierte, notorisch positiv gestimmte Aktivistin sich überschätzt, ist das Krankheitsbild einer Manie nicht weit. „Jeder muss auch einmal einen Schritt zurücktreten und Abstand zu seinem Tun gewinnen können“, sagt Heuser. Sich allein im Dunkeln zum Schwätzchen mit einem unbekannten, offensichtlich alkoholisierten Obdachlosen niederzulassen, wie Polly das tut, das ist schon gefährliche Selbstüberschätzung. Andererseits erkennt sie rechtzeitig, dass sie bei ihrem nicht nur strengen, sondern auch psychotischen Fahrlehrer an ihre Grenzen stößt. Sie gibt auf.

Warum ärgern sich manche Leute über ihre unbeschwerte Art? „Das menschliche Gehirn ist auf Abwechslung gepolt, deshalb kann auch permanenter Frohsinn uns nerven“, erklärt Heuser.

In dieser Hinsicht ist eine andere Filmgeschichte um eine unbekümmerte Frau etwas raffinierter gestrickt: In „Die fabelhafte Welt der Amélie“ gibt es zur Abwechslung auch kleine, ruhige Szenen mit ein wenig Traurigkeit und Seelenschmerz zu sehen. Aber „Amélie“ erzählt ein Märchen. Da dürfen weich gezeichnete Feen vorkommen, die rückhaltlos bezaubern.

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