Welt : Das Leben, kein Traum

Der Modemacher Rudolph Moshammer wurde erdrosselt in seiner Grünwalder Villa gefunden

Mirko Weber[München]

Als sein Fahrer ihn am Freitagmorgen in München-Grünwald abholen will, liegt Rudolph Moshammer erdrosselt auf dem Wohnzimmerboden seiner Villa. Die Mordkommission ermittelt gegen Unbekannt.

Solche Zeremonien hat er geliebt: Dass der Chauffeur den Schlag aufreißt und Rudolph Moshammer im Fond des Rolls- Royce Platz nimmt, gekleidet wie aus dem Ei gepellt, mit gebauschter Krawatte, Brusttaschentuch und schwarz gelackter Hochfrisur, auf dem Schoß das Hündchen, Daisy, die fast jeder hier in München lange schon mit Namen kennt, auch ehe ihr Herrchen mit ihr für McDonalds posierte, immer strahlend, leise lächelnd.

Im letzten Sommer nimmt Moshammer das Auto selbst dann, wenn er von seinem Modeladen in der Maximilianstraße auf die andere Straßenseite in die Nationaloper will, um Anna Netrebko zu sehen, einen neuen Opernstar. Moshammer liebt die Musik, vergöttert die Oper in ihrer altmodischen Spielart. Und er fehlt nie, wenn etwas an öffentlicher Illumination auf ihn abstrahlen kann. Später sieht man ihn ein Taschentuch vor die Wimpern halten: Auf der Bühne stirbt eine Frau, „La Traviata“, die vom rechten Weg Abgewichene. „Ein Stoff aus unserer Zeit“, schrieb Giuseppe Verdi, der Komponist, 1852.

Am Freitagmorgen hält der Chauffeur von Rudolph Moshammer vor dessen Grünwalder Villa in der Robert-Koch- Straße. Wie immer, wenn Rudolph Moshammer in der Stadt ist. Gleich geht er ins Geschäft. Es ist nie gut, wenn er nicht da ist. Die Kundschaft will ihn sehen und die Touristen erst recht. An manchen Tagen stehen sie in Trauben vor den Scheiben und warten auf ihn. Die meisten könnten hier kaum etwas kaufen, für Durchschnittsverdiener ist Moshammers Geschäft nicht eingerichtet. Doch wenn er sich nur zeigt, reicht das vielen: Wie der Blick auf einen seltenen, bunten Vogel. Männer äußern sich manchmal abfällig über Rudolph Moshammers angebliche Homosexualität.

Der Chauffeur muss Freitagmorgen warten, das ist ungewöhnlich. Nach neun Uhr wird er unruhig und beschließt nachzuschauen. Er findet Rudolph Moshammer erdrosselt auf dem Boden des Wohnzimmers und ruft die Polizei. Die Gerichtsmediziner sprechen nach einer ersten Spurensicherung von „Gewalt gegen den Hals“. Moshammer ist aller Wahrscheinlichkeit nach erwürgt worden und Opfer eines Gewaltverbrechens, eine so genannte Beziehungstat wird nicht ausgeschlossen. Raubmord gilt als unwahrscheinlich. Unwillkürlich werden Gedanken an den Fall Sedlmayr wach.

Es ist der Tod eines sehr bizarren Mannes: Hinter Rudolph Moshammers persönlicher und publicitywirksamer Fassade verbergen sich eine Menge Geschichten, die das Leben eben schreibt, einfach so – oft hat er sie erzählt: Da ist das Münchner Kindl Rudolph, heuer angeblich 59 Jahre alt, also 1945 geboren, das sehr unter seinem Vater, einem verkrachten Unternehmer, leidet. So wird aus „Mosi“ Mamas großes Kind – und bleibt es bis zu deren Tod; Else Moshammer verstirbt 1993. Bis dahin sind Mutter und Sohn auf dem gesellschaftlichen Parkett in München eine Einheit: Arm in Arm, schwarz und grau toupiert, gehören sie zur Grundausstattung jeder einigermaßen niveauvollen Party. In diese Kreise aufgenommen zu werden, ist bereits das Ziel des jungen Rudolph Moshammer, der sich als Bub auch eine Mitgliedschaft in einem kirchlichen Orden vorstellen konnte.

Sein späterer Erfolg in der High Society trägt profanere, aber fantastische, eigensinnige, auch einsame Züge: Er war reich. Aber wer Rudolph Moshammer wirklich gewesen ist, wissen wahrscheinlich nur ein paar wenige Freunde. Mit steigendem Bekanntheitsgrad werden seine Kontakte auf der „Adabei“-Ebene immer mehr. Der Mode-Autodidakt Moshammer gründet seine Karriere anfangs auf eine Krawallnummer, promeniert vor seinem zunächst nur mäßig erleuchteten Schaufenster mit einem Geparden, findet jedoch schnell einen künstlerischen Dreh, der ihm eher konservative Klientel beschert: Moshammers Stil wird es, modische Details gewissermaßen akkordhaft anzuhäufen – alles scheint immer überladen und tendenziell zu prunkvoll. Zurückhaltung ist des bald nur noch „Mosi“ Genannten Sache nicht: Immer mehr ähnelt er dem sich selbst arrangierenden Gesamtkunstwerk, als das sich König Ludwig II. zeitweise verstand: Nicht nur frisurentechnisch lassen sich da Parallelen ziehen. Vor Ludwigs partiellem Wahnsinn schützt sich Rudolph Moshammer als sozialer Mensch freilich auf ganz praktische Weise.

Ausgehend von seinen Erlebnissen in einer fast mittellosen und durch den Alkoholismus des Vaters psychisch schwer belasteten Familie, kümmert er sich mit viel Aufwand um Münchner Obdachlose: Er finanziert vielen die Existenz und unterstützt Projekte wie die Straßenzeitung „Biss“. Und er spendet ihnen buchstäblich Zeit, kommt zum Reden. Das sind dann andere Gespräche als bei den einschlägigen Events von Bayreuth bis Salzburg, für die Moshammer fest gebucht ist.

Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude hat in seinen Beileidsworten noch einmal betont, dass der bizarre Modemann vor allem auch ein sozialer Mensch war.

Nur selten – wie beim jährlichen Weihnachtsessen im 1440 erbauten Lokal „Hundskugel“ in der Hotterstraße, das Moshammer einmal aus sentimentalen Gründen gekauft hatte – wird sein Engagement publik. Er, der gerne träumt, weiß allem glänzenden Schein zum Trotz ganz genau, dass das Leben kein Traum ist.

Die Münchner Welt, in der vieles größer wirkt, als es in Wirklichkeit ist – aber auch vieles liberaler gehandhabt wird, als man gemeinhin denkt – war seine Bühne. Moshammer bespielte sie mit nicht nachlassendem Einsatz. Zuletzt wird er am Donnerstag gegen 22 Uhr gesehen, als in der Nähe des Münchner Schlachthofs und später am Hauptbahnhof allein in seinem Rolls-Royce unterwegs ist. Hinter den Kulissen, daheim in Grünwald, wird Moshammer gegen Mitternacht jäh aus dem Leben gerissen.

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