Welt : Das Leben nach Queen Mum

William Tallon war 51 Jahre lang Diener der Königinmutter. Jetzt musste er aus Clarence House ausziehen

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Von Matthias Thibaut, London

Nach einem Leben im Frack beginnen für William John Stephenson Tallon nun lockere Zeiten. Ein halbes Jahrhundert sprang er in schwarzen Rockschößen herbei, wenn die Queen Mother mit dem Fabergé-Glöckchen klingelte. Letzte Woche trug der 66-jährige sein Hab und Gut in Hemdsärmeln aus dem Londoner Clarence House. 51 Jahre lang hatte er der Queen Mum ergeben gedient. Nun musste er für seine Umzugskartons 1 Pfund 80 Kaution hinterlegen. Für die britischen Zeitungen war es klar: Der treueste Diener der Queen Mum, ihr „Page and Steward of the Backstairs“, bekannt als „Backstairs Billy“, wurde für seine lebenslange Loyalität schlecht belohnt.

Jetzt kommen die Bauarbeiter und renovieren den abgewohnten Palast, damit Prince Charles dort einziehen kann. Die Queen Mum liebte das Bewährte. Begehrte einer ihrer Bedienten in den Ruhestand zu treten, pflegte sie zu fragen: „Warum, ich gehe doch auch nicht in die Rente." So wurde man zusammen alt. Auch die Elektrik wurde im Clarence House in 50 Jahren nie erneuert.

Mit Sparsamkeit hat das nichts zu tun. Gegenüber, im Buckingham Palace, da wird schon lange geknapst und geknausert, weil misstrauische Zeitungen der Queen jeden Pfennig aufrechnen. Aber bei Queen Mum lebte man bis zuletzt im Stil der guten alten Zeit – mit Kammerdienern und Lakaien, Chauffeuren und Rittmeistern, Aufwärterinnen und Stubenmädchen. Ein bisschen wie in „Gosford Park“, jenem Film von Robert Altman, der diese Welt der Hintertreppen beschreibt.: Chefkoch Michael Sealey brachte jeden Morgen die französisch geschriebene Speiskarte. Am Abend bezog ein Nachtwächter vor der Schlafzimmertüre Ihrer Majestät Position und horchte auf das Glöckchen.

In dieser Welt hinterm Diensteingang stand Tallon als Butler seinen Mann. Morgens reichte er der Queen Mum die „Racing Post“, dann führte er die Corgi-Hunde Rush, Minni und Dash spazieren. Als der Queen Mum an ihrem 101. Geburtstag beim Vorbeimarsch der Leibgrenadiere schwindlig wurde, fing er sie galant auf. Er inspizierte regelmäßig die Geburtstagsblumen, die ihre Fans vor dem Clarence House ablegten. Im Pförtnerhäuschen hatte er dort sein Privatquartier. Doch als im April in der Gruft von Schloss Windsor zum letzten Mal der Deckel über dem Sarg der Königinmutter geschlossen wurde, zerbrach ihr Lordkämmerer seinen weißen Amtstab. Zum Zeichen, dass der letzte große aristokratische Haushalt im Lande aufgelöst war.

Der 66-jährige Tallon, schrieb die „Mail on Sunday“, werde „ohne Abfindung" in die Rente und in eine Sozialwohnung über die Themse nach Kennington abgeschoben. Im Fernsehen hatte man gesehen, wie er im Trauerzug an der Spitze des Haushaltspersonals gleich hinter der Royal Family dem Sarg der Queen Mum folgte. Beim Trauergottesdienst in der Westminster Abbey richteten die Kameras ihre Teleobjektive auf ihn. Da saß er mit seinem zerzausten Krausehaar und kniff weinend die Augen zusammen. Ein rüstiger 66-Jähriger im schwarzen Frack, an den er stolz die lange Reihe seiner Orden geheftet hatte. Erst zum Hundersten der Queen Mum hatte er für seine treuen Dienste die Royal Victoria Medaille erhalten. Weinte er nun aus Trauer um die abgeschiedene Majestät oder weil er ohne Dank aus dem Hause gejagt wurde? Nur 12 der über 40 Bedienten fanden Weiterbeschäftigung im königlichen Haushalt. Die Pressestelle des Palastes formulierte es so: „Eine ganze Reihe von Bediensteten der Queen Mother haben aus Loyalität über das Rentenalter hinaus in ihrem Haushalt gearbeitet. Dafür danken wir ihnen und wünschen ihnen nun einen gesegneten Ruhestand.“ Backstairs Billy war den Zeitungen zufolge „niedergeschlagen und verunsichert“ und hatte Mühe „den Kopf über Wasser zu halten".

Tallon selbst schweigt, wie er es sein Leben lang getan hat. Als Zehnjähriger sammelte der Ladenbesitzersohn aus Coventry Zeitungsausschnitte über die königliche Familie. Mit 16 verließ er die Schule, weil er, nach vielen Bittbriefen, eine Stelle als Junior Assistent im „Stewards Room“ von Buckingham Palast bekommen hatte. Wäre es ein Wunder, wenn er nach einer solchen Lebenskarriere Umstellungsschwierigkeiten hätte? Lang ist die Reihe der Diener, die das Leben danach nicht geschafft haben: Dianas Butler Paul Burrell wurde des Diebstahls bezichtigt. Crawfie, das Kindermädchen von Königin Elisabeth und Prinzessin Margaret, plauderte in einem Buch aus der Kinderstube und wurde zur persona non grata.

Dabei hatte man sie im Kensington Palast großzügig in einem wunderbaren Häuschen für den Rest ihres Lebens kostenlos untergebracht. Doch solche königlichen Wohltaten kann es nicht mehr geben – nicht zuletzt, weil Zeitungen wie die „Mail on Sunday“ seit Jahren gegen die königlichen Pfründe wettern. Sogar der Herzog von Kent muss inzwischen seine Gnadenwohnung im Kensington Palace räumen.

Nun tut ausgerechnet die Mail so, als müsse Backstairs Billy den Rest seines Lebens im Umzugskarton verbringen. Doch davon kann keine Rede sein. Die gemeinnützige Häuserverwaltung London & Quadrant bestätigt, dass er in einem „ererbten“, günstigen Mietverhältnis in einem Apartmenthaus in Kennington wohnt, das einmal zu dem von Prinz Charles verwalteten Herzogtum Cornwall gehörte und 1993 von Grund auf renoviert wurde. Viele Londoner würden sich nach so einer Wohnung die Finger lecken.

Eine Betriebsrente gibt es im königlichen Haushalt noch nicht so lange – aber Prinz Charles soll Billys kleine Berufspension um wöchentlich 100 Pfund erhöht haben – dann käme er mit der Staatsrente auf rund 225 Pfund oder 375 Euro pro Woche. Und ganz vergessen haben die Zeitungen, dass Backstairs Billy erst vor einem guten Jahr 200 000 Pfund (330 000 Euro) geerbt hat – von seinem besten Freund und Stellvertreter, dem „Page and Steward of the Presence“, Reginald Wilcock. Jüngst wurde Backstairs Billy beim Jubilee Promenadenkonzert in der Öffentlichkeit gesehen. In Begleitung der prominenten englischen TV-Schauspielerin Una Stubbs. Gesegneten Ruhestand!

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