Welt : Das Leid der Überlebenden

Das Erdbeben auf Java hat Tausende getötet und Zehntausende verletzt – die Menschen harren in den Trümmern ihrer Häuser aus

Moritz Kleine-Brockhoff[Bantul]

Die Patienten liegen auf Betten und Bastmatten, auf Holzbänken und Decken. In Zimmern, Gängen, unter Zelten und auf der Wiese. Mit verdrehten Gelenken, blutigen Bandagen, Holzschienen und Infusionsflaschen. Vorne, an der Einfahrt zum Krankenhaus von Bantul, kommt ein Auto nach dem anderen an. Soldaten zerren eine junge Frau vom Rücksitz eines alten Kleinbusses. Ihr Körper scheint leblos, die Arme baumeln schlaff herab. Aber sie atmet. Mit großen Augen starrt sie in den Himmel. Die Soldaten legen sie erst einmal ins Gras.

Die Notaufnahme ist voll mit Verletzten. Beide Schwingtüren zum Behandlungszimmer stehen offen, der weiße Kachelboden und die Hinterwand sind mit Blut verschmiert. Auf dem Behandlungstisch liegt ein alter Mann. Er schreit kurz und laut, der Arzt hat mit einem Ruck ein Metallstück aus dem linken Unterarm gezogen. Im Vorraum steht zwischen den Wartenden eine Frau, die scheinbar unversehrt ist. Mit flehenden Blicken schaut sie sich um. „Sie haben meinen Sohn vergessen“, sagt sie schließlich und blickt neben sich nach unten. Da liegen Decken, ein Mädchen will sich gerade draufsetzen. „Bitte nicht“, ruft die Frau, streckt ihren Arm aus und zupft an einem Deckenzipfel. So, dass kurz ein Zeh zu sehen ist.

„Nurul war 13. Beim Beben stand ich mit ihm vor unserem Haus. Vom Dach schoss ein Holzbalken hervor und traf Nurul am Kopf. Als wir hier ankamen, lebte er noch. Nun habe ich niemanden mehr, mein Mann starb unter den Haustrümmern.“ Vier Soldaten kommen in die Notaufnahme, sie heben Nurul hoch und tragen die kleine Leiche weg. Umiyah, so heißt die Mutter, murmelt leise Koranverse und geht geistesabwesend hinterher. Durch den Gang, durch die Tür ins Freie, links ab über den Betonsteg bis zu dem Häuschen mit dem zerfetzten Vordach, in dem die kleine Leichenhalle ist. Die Helfer legen Nurul auf den Boden neben die anderen Leichen. Bei allen sind die Füße zu sehen, weil alle Decken zu kurz oder verrutscht sind. Umiyah will nicht bleiben, sie geht vor die Tür und hockt sich auf kahlen Beton. Erst schweigt sie eine Weile. Dann hebt sie den Kopf und fragt leise: „Und jetzt?“

Unter der Zeltplane, die sie auf dem Vorplatz gespannt haben, ist es stickig. Supriyadi, ein kräftiger junger Mann in kurzer Hose, hält es nur auf der Seite aus. Rücken und Brust sind voller Wunden, lange Linien, die aussehen, als seien sie mit Messern gezogen. „Er lag unter Schutt“, erzählt die Mutter. Mit einem Stück Pappe fächelt sie Supriyadi Luft zu. „,Bitte, bitte, bitte’ hat er immer wieder gerufen. Gott sei Dank haben wir ihn herausbekommen. Gott sei Dank.“ Supriyadi lächelt kurz. Die rechte Hand hat er über Stirn und Augen gelegt, die linke ruht in der Hand seiner Mutter.

Die gelbe Moschee im Innenhof des Krankenhauses hat Risse in den Wänden. Drinnen sitzt ein Mann im Schneidersitz. Seine Arme sind vor dem Körper verschränkt, der Kopf ist so weit nach vorne gesenkt, dass das Kinn auf der Brust liegt. Minutenlang regt er sich nicht, lässt nicht erkennen, ob er betet oder schläft. Plötzlich schnellen kurz Schultern und Kopf in die Höhe. Das Gesicht des Mannes ist ganz nass. Er weint.

In Bantul, die Kleinstadt und der umliegende Distrikt heißen so, liegen Dachgiebel auf der Erde, weil alles unter ihnen einfach in sich zusammensackte. Tausende starben. 20 Kilometer nördlich haben die Bewohner der Stadt Yogyakarta Glück gehabt: fast alle überlebten und mit Ausnahmen stehen alle Gebäude noch. Strom, Wasser und Telefon sind schon weitgehend wieder in Ordnung. Zehntausende, die aus Angst vor Nachbeben wegfuhren, kommen zurück. In Bantul haben viele Überlebende nichts mehr, zu dem sie zurückkehren könnten. Sie hocken auf Bastmatten vor Schulen und Moscheen. Oder sie stehen vor den Resten ihrer Häuser auf der Straße, halten den Autofahrern Pappkartons entgegen und hoffen, dass jemand Geld hineinlegt. Zu Essen und zu Trinken gibt es ausreichend, indonesische Hilfe war schnell, bald werden Ausländer kommen und Hilfsgüter bringen. Zelte wären gut, Zehntausende übernachten im Freien, es regnet immer wieder. Viele der Überlebenden haben seit dem Beben nichts mehr gegessen. In den völlig überforderten Kliniken der Region fehlt es vor allem an Chirurgen. Hunderte Verletzte mussten aus Mangel an Betten im Freien versorgt werden.

Distrikt Bantul, Dorf Deresan, 15 Kilometer vor Javas Südküste: Harjoparwiko – Ende 40, dunkle Haut, Schnäuzer – steht auf Trümmern und ist gar nicht traurig. „Kein Wunder, mein Haus war 70 Jahre alt“, sagt er. Sein Bruder räumt schon auf, er holt Dachziegel aus dem flachen Holz- und Schutthaufen, der vom Heim übrig blieb. Die Ziegel liegen in einer Reihe in der Einfahrt auf dem hellen Lehmboden. Harjoparwiko trägt nur eine kurze Hose. Mehr hatte er nicht an, als er am Samstag um sechs in der Frühe zum Brunnen ging. „Zum Glück war die ganze Familie schon auf. Zum Glück rannten alle schnell heraus, bevor das Haus einstürzte. Bei unseren Nachbarn gab das Haus sofort nach, sie sind tot. Wir hatten ein paar Sekunden Zeit, wir haben überlebt. Meine Güte, was für ein Glück."

Zehntausende Menschen wurden durch das Beben verletzt. Sie warten auf Hilfe. Die Gesundheitseinrichtungen sind völlig überlastet. Einige ausländische Helfer sind bereits wegen des Ausbruchs des nahe gelegenen Vulkans Merapi am Ort. Weitere Experten sind unterwegs in die Region. Tsp

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