Welt : Das Märchen vom starken Mädchen

Warum man Opfer wie Stephanie R. oder Natascha Kampusch aus Psychologensicht besser schützen muss

Armin Lehmann

Berlin - Es war ein auf den ersten Blick klarer Satz, für den man nur Verständnis haben konnte: „Wir lassen uns nicht kaputtmachen, dass Stephanie jetzt wieder halbwegs in Ordnung ist.“ Diesen Satz, an die Öffentlichkeit gerichtet, sprach Joachim R., der Vater von Stephanie, als er davon erfuhr, dass der Peiniger seiner Tochter auf das Dach des Gefängnisses geflüchtet war. Es war der Satz, der begründen sollte, warum das Mädchen entgegen der ursprünglichen Planung am Donnerstag in Dresden nicht vor Gericht gegen den Mann aussagt, der es entführt, gequält und missbraucht hat.

Auf den zweiten Blick aber verrät der Satz des Vaters aus Sicht des Traumatologen und Kinderpsychologen Christian Lüdke eine gefährliche Fehleinschätzung: „Zu diesem Zeitpunkt kann Stephanie noch gar nicht halbwegs wieder in Ordnung sein“, sagt Lüdke. Deshalb wäre es auch ohne den gestrigen Vorfall fahrlässig gewesen, Stephanie aussagen zu lassen, wie es der Vater ja selbst befürwortet hatte. Dass sie es unter Ausschluss der Öffentlichkeit getan hätte und natürlich in Abwesenheit des Verbrechers, spielt aus Sicht Lüdkes keine Rolle: „Der Mann ist für sie sowieso permanent präsent, in ihren Gefühlen, ihren Träumen. Er ist bedrohlich, und seit gestern wird diese gefühlte Bedrohung wieder steigen.“ Der Täter habe sich wieder zum Akteur gemacht, das mache dem Opfer Angst und spreche gegen jede Einsicht des Mannes. Lüdke hofft nun, dass der Vorfall auf dem Dach eine Art zufälliger Weckruf für alle für Stephanie Verantwortlichen war, um zu begreifen, wie labil der psychische Zustand Stephanies nach dem Erlebten noch immer sei.

Schon der Auftritt des Mädchens in der ZDF-Sendung „Kerner“ sei ein „Kardinalfehler“ gewesen, weil er dem Publikum, dem Mädchen selbst und allen anderen Beteiligten suggerierte, hier sei ein starkes Mädchen, das die Aufarbeitung ihres Martyriums in die eigenen Kinderhände nehmen könnte. Ähnlich wie beim Fall der Natascha Kampusch, die jahrelang gefangen gehalten wurde und bald nach ihrer Befreiung im Fernsehen auftrat, hält Lüdke ein solches öffentliches „Zurschaustellen“ für extrem risikoreich. Lüdke hält Natascha Kampusch für „suizidgefährdet“, weil die Konfrontation mit dem Täter bisher verdrängt wurde.

Der Psychologe sagt, nur ein absoluter Schutz der Opfer fern der Öffentlichkeit könnte eine Aufarbeitung einleiten, bei der langfristige Folgen wie Persönlichkeitsstörungen nie ausgeschlossen sind. Eine zu frühe und nicht kalkulierbare Konfrontation mit dem Erlebten, wie beispielsweise in einer Situation vor Gericht, könne eine erneute Traumatisierung zur Folge haben.

„Die Öffentlichkeit hat schon im Fall Kampusch an ein Märchen glauben wollen. Da ist ein Mädchen, das sich selbst befreit und plötzlich schön und stark vor einem Millionenpublikum steht. Aber dieses Märchen gibt es nicht. Es gibt nur ein Verbrechen und traumatische Folgen für die Opfer“, sagt Lüdke.

Auch im Fall Stephanie hat Lüdke die gleichen Reflexe der Öffentlichkeit wahrgenommen, es wurde vom starken, mutigen Mädchen gesprochen. Sie selbst habe Worte gesagt wie, er habe sie in ihrem innersten Kern nicht berührt. Aber diese Worte bedürfen genauer psychologischer Analyse, findet Lüdke. In der Tat sei der handgeschriebene Hilferuf von Stephanie ein beeindruckendes Zeugnis von Stärke, aber er beruhte auf dem nackten Überlebenstrieb, auf Verzweiflung und nicht auf „dieser souveränen Stärke, die uns die Fernsehinszenierung vorgegaukelt hat“, sagt Lüdke.

Das Fernsehen hatte seine Quoten, und die Zuschauer hatten ihre eigene „Entlastung“, sagt Lüdke, in dem sie sinngemäß sagen konnten: Guck dir an, was die durchgemacht hat, da sind unsere Probleme ja nichts dagegen. Nun glaubten viele, wenn das Mädchen schon im Fernsehen aufgetreten sei, würde eine Aussage vor Gericht nicht weiter schaden. „Aber das ist falsch“, sagt Lüdke, „man sollte sie lieber in Ruhe lassen und nicht auf die Idee kommen, sie doch noch aussagen zu lassen.“

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