Welt : Das Paradies geht unter

Auf dem Atollinselstaat Tuvalu regnet es nicht mehr, aber das Meer steigt. Ein Besuch in der Südsee vor dem Weltklimagipfel.

von

So viel Wasser, überall, es leuchtet wunderschön türkis und smaragdgrün. Trotzdem fehlt es, dringend. Der Atollinselstaat Tuvalu im Südpazifik befindet sich angesichts massiver Wasserknappheit im nationalen Notstand. Weil das Wetterphänomen La Nina wütet, hat es in der sonst so schwülen Südsee seit einem halben Jahr nicht mehr geregnet, die Trinkwasserbrunnen sind leer, die Süßwasservorräte erschöpft. Das Auswärtige Amt in Berlin hat einen Warnhinweis an Urlauber herausgegeben. Im Paradies herrscht der Notstand. Was für ein Paradoxon des Klimawandels: Die Inseln in Ozeanien, die wegen des steigenden Meerespegels Jahr für Jahr vom Ozean geschluckt werden – ausgerechnet diese Inseln leiden jetzt unter extremem Wassermangel.

Die aussichtslose Lage der Atollstaaten wie Tuvalu, Marschallinseln und Malediven wird beim UN-Klimagipfel im südafrikanischen Durban vom 28. November bis 9. Dezember eine wichtige Rolle spielen. Unzählige der 22 Staaten und Territorien Ozeaniens mit zehntausenden Inselchen ragen nur Zentimeter, höchstens wenige Meter aus dem Meer. Und weltweit werden derzeit weiter mehr statt weniger Treibhausgase ausgestoßen, es gibt gar Rekordzunahmen – und schon Visionen, die Sonne abzuschirmen.

Politiker reden immer von der mittleren globalen Erwärmung, die sie auf unter zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung begrenzen wollen. So viel CO2 wie 2010 hat die Welt aber noch nie in die Atmosphäre geblasen. Doch selbst wenn das Zwei-Grad-Ziel erreicht würde, würde nach den Forschungen des Ozeanographen Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung der Meeresspiegel trotzdem weltweit um einen Meter steigen: Wärmeres Wasser dehnt sich aus, ein Gesetz der Physik. Dazu kommt das Wasser der schmelzenden Pole. Bei vier Grad wären es 1,20 Meter, bei sechs Grad 1,40 Meter: Weltuntergang im Paradies. Alle Küstenländer der Erde werden betroffen sein.

Doch das Süßwasser geht aus, auch auf Tuvalu. „Am schlimmsten betroffen ist die Insel Nukulaelae. Auch in der unter neuseeländischer Verwaltung stehenden Inselgruppe Tokelau wurde der Notstand ausgerufen“, teilt das Auswärtige Amt mit. Sogar der bei Flitterwöchnern und Rucksackreisenden beliebte Inselstaat Samoa rationiert seine Wasservorräte. Hostels und Hotels lassen noch mehr teure Plastikwasserflaschen einfliegen.

Viele Einheimische können sich das aber gar nicht leisten, sie hoffen auf die Meerwasserentsalzungsanlagen, die Neuseeland schickt. Tiere verenden, weil sie vor lauter Durst aus Salzwasserlagunen trinken. Die Regierung warnt die Bevölkerung davor, Meerwasser zu schöpfen. Bis Dezember ist kein Regen in Sicht. Der Generalsekretär der Evangelischen Kirche von Tuvalu, Reverend Tafue Molu Lusama, hat die Weltgemeinschaft zu Solidarität aufgerufen. „Die Spitzen der Kokosnussbäume haben angefangen, abzufallen, Brotfruchtbäume sind abgestorben, Bananenplantagen sind ausgetrocknet“, schreibt der Reverend aus der Hauptstadt von Tuvalu auf dem Atoll Funafuti. „Das wenige Wasser, was es gibt, wurde rationiert, auf etwa 20 Liter pro Haushalt.“ 10 000 Menschen leben in Tuvalu im Stillen Ozean, der Staat ist Mitglied des Commonwealth of Nations. In ganz Ozeanien haben fast zehn Millionen Menschen ihre Heimat – noch. „Ich bitte um Gebete wegen der kritischen Herausforderungen, denen wir angesichts des Klimawandels ins Gesicht sehen“, sagt der Reverend.

Anderthalb Flugstunden südlich von Tuvalu, in Fidschis Hauptstadt Suva, bemühen sich Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag der Bundesregierung um Schadensbegrenzung im Südpazifik. „Pacific-German Regional Programme on Adaption to Climate Change“ (Anpassung an den Klimawandel) steht auf dem Schild. Experten wie GIZ-Projektbegründer Hermann Fickinger und Felix Ries beraten Menschen auch auf den Nachbarinseln Vanuatu und Tonga, wie sie die Regenwälder nachhaltig bewirtschaften und als CO2-Speicher erhalten und wie sie das knappe Land für die Landwirtschaft besser nutzen können. Und sie beraten die fidschianische Regierung darin, wie sich das kleine Land im Weltgetöse der großen Industrienationen Gehör verschaffen kann. Ob das in Durban hilft? Das teils bergige Fidschi hat Glück. Doch auch auf der Hauptinsel müssen Einheimische schon wie auf Vanuatu Tote aus überspülten Gräbern umbetten, Kliniken ins Landesinnere verlegen. In einem Speziallabor werden Pflanzen gezüchtet, die dem Klimawandel standhalten sollen. Auf Tonga sinkt nach Angaben von Maik Thomas vom Geoforschungszentrum Potsdam auch noch die Erde ab. Auf Tuvalu konnten die Korallen zuletzt mit dem Meerespegel wachsen, sagt der australische Wissenschaftler Arthur Webb in seinem Büro in Suva. Doch rund um Fidschi steigt der Meeresspiegel jedes Jahr um sechs Millimeter. Das werde exponenziell zunehmen. Nach Tuvalu hat Neuseeland ein Flugzeug mit Trinkwasser entsandt. Der Außenminister Neuseelands, Murray McCully, hat weitere Hilfe angekündigt. Mehr aber nicht. Seit Jahren versucht Tuvalus Regierung, viertkleinster Staat der Welt, Asyl in Australien oder Neuseeland für seine Menschen zu bekommen oder Land für sein Volk zu kaufen. In Papua Neuguinea mussten Menschen schon umsiedeln. Den Projektionen der Wissenschaftler zufolge könnten einige der paradiesisch anmutenden Inseln beim derzeitigen CO2-Ausstoß aus Autos, Flugzeugen, Industrie, Schiffen und natürlichen Quellen innerhalb eines Menschenlebens vom Ozean völlig verschluckt sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben