Welt : „Das sind Särge mit Regendach“

Ab nächster Woche dürfen schon 16-Jährige Auto fahren – aber nur mit unsicheren Leichtbau-Wagen

Jörg Ziegler

Die Frontpartie ist komplett zerstört, der Fahrzeugboden gebrochen, die Beine des Fahrers sind eingequetscht. Das Leichtmobil hat beim Zusammenprall mit dem Renault Twingo deutlich den Kürzeren gezogen. „Schon dieser zarte Gegner hat ausgereicht, um den Wagen in Stücke zu reißen“, sagt ADAC-Sprecher Maximilian Maurer. Dabei seien die so genannten Miniautos auf ziemlich „humane“ Weise getestet worden: Im Frontal- Crashtest mit einem Kleinwagen und bei 45 Kilometer pro Stunde Aufprallgeschwindigkeit hat es nur den Dummy erwischt. Im Ernstfall hätten Insassen solch einen Unfall höchstwahrscheinlich nicht überlebt.

Ab dem 1. Februar dürfen Leichtmobile mit maximal 350 Kilogramm auch von 16-Jährigen mit der neuen Führerschein Klasse S gefahren werden. Bei Crashtests schnitten die Miniautos, die höchstens 45 Kilometer pro Stunde fahren und weder über Gurtstraffer noch Airbags verfügen, miserabel ab. Der ADAC attestierte den Leichtkraftfahrzeugen – Zweisitzer mit Kunststoffkarosserie, die beinahe aussehen wie richtige Kleinwagen – nach Tests „eklatante Schwächen“. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die Bundesanstalt für Straßenwesen in Bergisch-Gladbach: Beim Crashtest mit 35 Kilometer pro Stunde gegen eine flache Wand drangen Motor- und Getriebeteile in den Fahrerraum ein, die Gurtverankerungen wurden herausgerissen.

„Das große Problem ist die Leichtbauweise mit einem vorgeschriebenen Leergewicht von maximal 350 Kilogramm“, sagt Maurer. Damit sei es gar nicht möglich, ein sicheres Auto zu bauen. „Stärkere Masse setzt sich bei einem Aufprall nun mal immer durch.“ Der ADAC fordert, die Gewichtsbeschränkungen zu lockern. So könnten die Hersteller stabilere Materialien verwenden und Schutzsysteme wie Gurtstraffer und Airbag in die Miniautos einbauen. Allerdings sei es laut Maurer noch viel sinnvoller, einen normalen Kleinwagen auf entsprechendes Tempo zu drosseln und später die Drosselung wieder aufzuheben. Darüber hinaus bemängelt der Vorsitzende des Fahrlehrerverbandes Berlin, Peter Glowalla, die Verwechslungsgefahr mit wesentlich schnelleren Kleinwagen. Auf Landstraßen erkenne man den Unterschied erst sehr spät. Der Verbandsvorsitzende befürchtet eine Vielzahl von Auffahrunfällen mit verheerendem Ausgang für die Insassen der Miniautos: „Das sind Särge mit Regendach.“ Glowalla versteht nicht, wie die Fahrzeuge zugelassen werden konnten.

Die Antwort liegt in Brüssel. Dort hatten ausländische Hersteller der Leichtmobile Beschwerde eingelegt. Sie sahen den Wettbewerb verletzt, da in Deutschland bislang der Führerschein Klasse B für das Fahren der Miniautos erforderlich war. Die Europäische Kommission pflichtete dieser Einschätzung bei und leitete ein Verfahren gegen Deutschland ein – woraufhin die Führerschein-Klasse S eingeführt wurde, der 16-jährigen erlaubt, neben den Miniautos auch so genannte Quads – motorradähnliche Vierräder – zu fahren. Die Führerscheinausbildung umfasst 14 Doppelstunden Theorie und einige Fahrstunden. Zudem muss der Schüler eine 30-minütige Prüfungsfahrt bestehen, für die es keine Vorgaben gibt.

Das Bundesverkehrsministerium sieht im neuen S-Führerschein den bestmöglichen Kompromiss. Einerseits trage man den Beanstandungen aus Brüssel Rechnung, zum anderen seien die Anforderungen an die Ausbildung in Deutschland weiterhin höher als in anderen Staaten der EU. Dem widerspricht Cornelia Zieseniß, Geschäftsführerin der Landesverkehrswacht Niedersachsen vehement. Der Führerschein Klasse S sei völlig unzureichend, insbesondere Quads hält sie für „lebensgefährlich“: „Es gibt keine verbindliche Gesetzesvorschrift, wie viele Praxisstunden Fahrschüler machen müssen.“ Quads hätten imVerkehrsalltag nichts zu suchen.

Peter Glowalla vom Berliner Fahrlehrerverband teilt diese Einschätzung. Die Vierräder hätten eine unzureichende Bodenhaftung, behinderten den Verkehr und könnten wegen ihres hohen Schwerpunkts schnell umkippen. Er hofft, dass kaum ein 16-Jähriger sich die 8000 bis 13 000 Euro teuren Leichtmobile leisten kann. Quads sind ab 2000 Euro erhältlich. Die Kosten für den S-Führerschein belaufen sich auf 700 bis 1000 Euro – rund 500 Euro weniger als für den Führerschein Klasse B aufgebracht werden muss.

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