Welt : "Das Sonnenkind": Spacke bzw. spinös

Jörg Plath

Sinalco spielt in diesem sonnigen Roman eine große Rolle. Weniger wichtig sind Coca Cola, Marika Rökks Schönheitscreme, Mopeds und Rowdys. Sie alle haben zwar ihren Auftritt, interessieren Carsten aber nicht so sehr. Carsten, die Hauptperson in Detlev Meyers Buch "Das Sonnenkind", ist nämlich erst 9 Jahre alt, also im Sinalco-Alter. 1960 ist seine Welt noch in Ordnung. Er lebt mit seinem großen Bruder, den Eltern und den Großeltern im Truseweg 2 in Berlin-Neukölln. Der Truseweg hat nur sechs Miethäuser Nummer 2 bis 12 und eine Kneipe an der Ecke zum Schifffahrtskanal, aber Raum für Kindheit ist in der kleinsten Straße.

Carsten Scholze erlebt Dreharbeiten, bei denen die halbwüchsige Tochter von Walters in hurtig gewechselten Kleidern den Regisseur umtänzelt. Er wird Zeuge, wie sein Bruder Stephan den hässlichen Mischling des Gastwirts vor dem Ertrinken im Kanal rettet und sich die Heldentat wochenlang mit Freilimonade und zuweilen Freibier vergelten lässt. Er versucht das raue Herz des Hauswarts Funke durch Höflichkeit zu erringen. Er weiß alles Wichtige über die Nachbarn, auch über Herrn Eduardo, der, ungeachtet seiner Schmächtigkeit, nachts erstaunlichen ehelichen Radau verursacht. Der Tonsetzer reagiert tagsüber empfindlich auf Kinderlärm vor dem Haus, weshalb seine Frau des öfteren die Verursacher mit Süßigkeiten zu kleinen Ortswechseln zu überreden versucht. Carstens besondere Verehrung gilt seinem Großvater Max Wollin. Mit ihm trinkt er im Café Kranzler Sinalco aus dem Cognacschwenker und plaudert über Gott und die Welt. Wollin ist ein echter Herr. Er erfreut sich der zärtlichen Zuwendung nicht nur seiner Ehefrau, sondern auch seiner ehemaligen Sekretärin Charlotte. Eines Tages muss Wollin freilich am bestimmten Auftreten seiner sehr blonden Charlotte erkennen, dass er offenbar, ohne es zu bemerken, auch mit ihr verheiratet ist.

Mit leichter Hand bietet Detlev Meyer ein Füllhorn solcher Szenen auf. Sein Carsten ist zu jung für die Dinge, aber alt genug für die Freude an Worten wie Grandseigneur, Tenue, Fondant und Posamentierhandlung. Für die eigene "Wörterschatzkammer" bekommt der Leser dann noch ohne jede Umstände überreicht, was Carsten selbstverständlich vertraut ist: Podex, spacke und spinöse Person zum Beispiel.

Meyer hat fast alle Szenen aufgelöst in Gespräche und Monologe. Selten, vor allem in den wenigen Rückblenden, tritt ein auktorialer Erzähler hinzu. Das verleiht dem kleinen, sicher rhythmisierten Roman die Anschaulichkeit des Films. Er feiert die späte Kindheit als reine Gegenwart, in der Carstens Trauer über die tödliche Krebserkrankung des Großvaters koexistiert mit seiner Wut, so achtlos verlassen zu werden.

"Das Sonnenkind" ist ein Neukölln-Roman, in dem viele Berlin-Romane anklingen: Großmutter Else scheint aus einem Fontane-Roman zu stammen. Die Kinderszenen rufen Hans Falladas "Damals bei uns daheim" ebenso wie den Namen Kästner herauf. Nur die Ironie in dem von Aspirationen gesättigten Kleinbürger-Milieu entstammt unverkennbar den 90ern und verdankt sich Unausweichlichem: Detlev Meyer starb 1999, und "Das Sonnenkind" ist sein heiter-trauriges Abschiedsbuch.

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