Welt : "Das Spiegelhaus": Schönheit soll leiden

Claudia Keller

Das Grauen beginnt schon auf der ersten Seite. Ein junger Mann beobachtet in einem Schwimmbad genüsslich drei Mädchen. Er lässt seinen Blick über ihre Haare schweifen, die Wölbungen ihrer Körper, über die eigene Badehose. Und wir erfahren, was er sich dabei so denkt: "Ich war sicher, dass sie gerade im richtigen Stadium waren." Szenen aus Tatort-Filmen tauchen auf, vage Erinnerungen an selbst erlebte, aber harmlose Nachstellungen. Spätestens als die Haare der Mädchen mit "Tang, der sich am Körper Ertrunkener verfangen hat", verglichen wird, ist klar: Ramona Diefenbachs Debüt "Das Spiegelhaus" wird kein gutes Ende nehmen. In Fernseh-Krimis erzählen angstgeweitete Augen von der Panik der Opfer, ahnungsschwangere Musik von der Bedrohung. Die Gefühlslage der Täter bleibt meistens außen vor. Diefenbach aber lässt uns durch innere Monologe in die seelischen Abgründe des perversen 35-Jährigen blicken wie in die kindlich-naiven Gedankenspiele der 14-jährigen Cora, Angelika und Beatrice. Die Sicht der Mädchen erzählt die mittlerweile erwachsene Beatrice im Rückblick. Auch sie als Ich-Erzählerin. Und zu Beginn ist nicht sofort klar, welches Ich gerade spricht, Täter oder Opfer. Zunächst scheint sich nur ein erotisches Abenteuer anzubahnen, dem die drei an der Schwelle zum Erwachsenwerden gar nicht abgeneigt sind. Im Glauben, das Geschehen im Griff zu haben, kokettieren sie mit dem seltsamen Charmeur, erleben die aufkeimende Angst als Nervenkitzel und lassen sich auf sexuelle Spiele ein.

Und auch der Mann, der als sympathisch und gut aussehend beschrieben wird, hegt zunächst lediglich zärtliche Gefühle für die drei. Kein brutaler Schlächter, sondern ein kunstliebender Schöngeist, der seine "Lolita" gelesen hat. Es scheint anfangs, als sei die Verführung der jungen Mädchen für ihn vor allem eine Frage der Ästhetik. Erst allmählich deutet sich an, dass er ein vom Hass auf Frauen und Ängsten Getriebener ist. Ein Irrer, dem schon mehrere Frauen zum Opfer gefallen sind.

Einige Klischees sind ärgerlich. Patrick wohnt natürlich in einem abgelegenen Haus, zumal in dem seiner verstorbenen Mutter, zu der er ein gestörtes Verhältnis hatte. Und für die große "Party", auf die der Roman zuläuft, schmückt er einen dunklen Kellerraum. Dennoch: Der Roman bleibt spannend. Auf subtile Weise leuchtet Diefenbach Patricks grausames Universum aus. So sehr, dass sich teilweise sogar nachvollziehen lässt, wie sich jemand ohne die geringste Fähigkeit zum Mitempfinden an seinen Mitmenschen vergehen kann und Befriedigung daraus zieht. Und wie zwischen Tätern und Opfern ein subtiles Spiel von Macht und Ohnmacht beginnen kann.

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