Welt : Das stand nicht im Plan

Der Stadtkarten-Erbe Alexander Falk war der jüngste Milliardär Hamburgs – jetzt sitzt der Glücksritter der New Economy in Untersuchungshaft

René Martens[Hamburg]

Tausende von maritimen Gemälden, imposante Modelle von Wikingerschiffen und Marine-Devotionalien aller Art – die Partykulisse war äußerst prunkvoll an diesem Abend kurz vor Ostern. Der Unternehmer Alexander Falk, Erbe des Faltstadtplan-Erfinders Gerhard Falk, feierte stets gern in so einem Ambiente, zumal, wenn die Gastgeber in einer Liga spielen, der er selbst immer angehören wollte. Eingeladen in das Schiffahrtsmuseum an der Hamburger Elbchaussee hatten Hertha-Boss Bernd Schiphorst, der frühere Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt sowie Ex-„Bild“-Chef Hans-Hermann Tiedje. Die drei Herren – allesamt Vorstandsmitglieder der WMP Eurocom AG, die in Berlin in der Jakobstraße residiert – wollten die Gründung einer Hamburger Tochtergesellschaft begießen.

Für Falk war es die letzte Party.

Damals, im April, klassifizierte das „Hamburger Abendblatt“ den 34-Jährigen noch als „Wirtschafts-Promi“, doch mittlerweile steht er im Verdacht, ein Wirtschaftskrimineller zu sein. Seit Pfingsten sitzt der ehemalige Chef der Internet-Firma Ision in Untersuchunsghaft, weil ihm die Hamburger Staatsanwaltschaft schweren Betrug und Verstöße gegen das Aktiengesetz vorwirft. Mit sechs weiteren Beschuldigten – darunter der ehemalige Finanzvorstand von Ision – soll er im Jahr 2000 den Umsatz und den Aktienkurs des Unternehmens durch generalstabsmäßig organisierte und teilweise rückdatierte Scheingeschäfte hochgejazzt haben.

Vermeintliche Eleganz

Die Tricksereien waren damals erfolgreich, denn schon im Januar 2001 gelang es Falk, Ision für 812 Millionen Euro an die britische Telekommunikatonsfirma Energis zu verkaufen. Auf der vorangeganenen Weihnachtsfeier hatte er der Belegschaft in einer rührseligen Rede verkündet, der Deal mit den Engländern sei „die beste Lösung“.

Diese englische Firma ist inzwischen genauso pleite wie Ision. Und viele, viele andere New-Economy-Firmen auch. Für Falk war der Deal auf jeden Fall „die beste Lösung“. Insider schätzen, dass dieses Geschäft dem Hauptgesellschafter eine dreistellige Millionensumme eingebracht hat.

Die Verhaftung markiert den bisher spektakulärsten Absturz eines Internet-Unternehmers. Immerhin versucht Falk, auch im freien Fall noch Stil zu beweisen, denn zum Haftantritt in Hamburg jettete er aus London mit seiner Privatmaschine herbei. Auf vermeintliche Eleganz hat er schon immer Wert gelegt: Ein paar Katzensprünge östlich vom Schifffahrtsmuseum steht, ebenfalls an einer Elbhangstraße, ein herrschaftliches Gebäude, an dem immer noch das Firmenschild „Alexander Falk Holding GmbH“ prangt. Früher residierte hier die deutsche Niederlassung der von Falk dominierten Schweizer Holding Distefora, in der er seine zahlreichen Firmenaktivitäten bündelte. Andererseits schätzte Falk durchaus das lockere Führungsgebaren vieler New-Economy-Unternehmer. Im Distefora-Büro tollten Hunde herum, und die weiblichen Mitarbeiter, von denen er sich gern „Sascha“ nennen ließ – das ist der russische Kosename für Alexander –, liefen manchmal barfuß durch die Räume.

Als Ision 2000 an die Börse ging, ließ Falk für eine Party die Weather Girls („It’s Raining Men“) anheuern, und auf einem Museumsschiff im Hamburger Hafen veranstaltete er auch schon mal eine prunkvolle Halloween-Party für alle Mitarbeiter der deutschen Distefora-Firmen. Viel lieber als die Anerkenunng der Altersgenossen aus seiner Branche wäre ihm allerdings die der Hamburger High Society gewesen, doch so sehr er sich auch abstrampelte, richtig Fuß fassen konnte er nie in der Gesellschaft – dabei war er immerhin „Hamburgs jüngster Milliardär“ („Bild“), zumindest zu den Zeiten, als es die D-Mark noch gab. Die Karriere Falks begann im Jahr 1995, als er im Alter von 26 Jahren das väterliche Stadtplan-Unternehmen für rund 25 Millionen Euro an den Bertelsmann-Konzern verkaufte. Den Erlös nutzte er, um Firmen aus den Bereichen Internet, Software und Informationstechnik zu erweben. Ein Konzept ließ der „Schönwetterstratege“ („Manager-Magazin“) dabei nicht erkennen.

Die Distefora-Beteiligungsgesellschaft war an der Schweizer Börse zeitweilig bis zu 3,6 Milliarden Franken wert, doch nachdem Falk und seine Partner mit Ision das Sahnestück teuer verhökert hatten, war der Absturz quasi vorprogrammiert. Mittlerweile ist der Handel mit Distefora-Aktien eingestellt.

Wenn Alexander Falk über die Flure seiner Firmen streifte, wirkte er stets ungeduldig. Als kümmerte ihn das Alltagsgeschäft nicht sonderlich, und als sei er in Gedanken schon beim nächsten Coup. „Die Internet-Branche hat ihn wohl nie wirklich interessiert, lediglich als Spielwiese. Aber das hat sich dann schnell geändert, als er das Bankengeschäft für sich entdeckt hat“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter.

2002 zog er sich aus der Distefora zurück und erwarb die Frankfurter Traditionsbank Hornblower Fischer – wo der bei Ision noch recht freundlich wirkende Mann plötzlich nach Gutsherrenart regierte und zahlreiche Angestellte einfach feuerte.

Angesichts Falks Lebensweg ist es kein Wunder, dass er zwei äußert renommierte Anwälte rekrutiert hat: Sven Thomas, der auch den ehemaligen Mannesmann-Boss Klaus Esser zu seinen Mandanten zählt, sowie Gerhard Strate, der als Anwalt von Monika Böttcher, geborene Weimar, in einen der spektakulärsten Prozesse in der Geschichte der Bundesrepublik involviert war. Thomas geht davon aus, dass in den nächsten Tagen über eine Haftbeschwerde entschieden wird. Allerdings seien in der gesamten Ision-Affäre schon mehrere Beschwerden wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr abgelehnt worden, betont Rüdiger Bagger, der Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft. Gerhard Strate wartet derweil auf eine Entscheidung über seine Verfassungsbeschwerde, die er eingereicht hat, weil die Staatsanwaltschaft Falks Vermögen von rund 500 Millionen Euro vorläufig beschlagnahmt hat.

Der Hamburger Staranwalt betont, von Betrug könne in dieser Sache „keine Rede“ sein. Und Kollege Thomas ergänzt: „Der Umsatz war für Energis beim Kauf von Ision ein uninteressanter Faktor, die haben die Firma aus strategischen Erwägungen gekauft – wegen der Kundenverbindungen, zu großen Verlagen beispielsweise.“ Allerdings hätten die Briten die Entwicklung der Marktlage „falsch eingeschätzt“. In dieser Hinsicht waren sie ja beileibe nicht die Einzigen.

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