Welt : Das Todesurteil fällt das Dorf in "Känguruh-Gerichten"

KORDULA DOERFLER

Gesteinigt, verbrannt, erschlagen: In Südafrika wird noch immer Jagd auf "Hexen" gemacht VON KORDULA DOERFLER

Johannesburg.Die Rettung kam in letzter Minute.Noritah Malele stand vor ihrem Haus, eingekreist von Hunderten von Dorfbewohnern.Die Fenster waren zerbrochen, mehrere Leute versuchten, das Haus in Brand zu stecken.Noritah wäre mit Sicherheit tot, wäre nicht zufällig die Polizei vorbeigekommen.Die alte Frau sollte sterben, weil sie als "Hexe" galt.Zwei Teenagern hatte sie angeblich Kräuter gegeben, die einen Mitschüler getötet haben sollen.Die Polizei zerstreute die wütende Menge und nahm die alte Frau mit. Anderen, die als Hexen galten, erging es weit schlimmer: Sie wurden gesteinigt, verbrannt, erschlagen.Mehr als 300 Menschen sollen im vergangenen Jahr in der Nordprovinz auf diese Art umgebracht worden sein, Hunderte aus ihren Dörfern vertrieben. Das Todesurteil fällt die Dorfgemeinschaft in sogenannten Känguruh-Gerichten.Wird jemand vom Blitz erschlagen, ist die Ernte schlecht oder stirbt plötzlich ein Familienmitglied - der oder die Schuldige ist leicht gefunden: Es sind die "Moloi", die Hexen, die keineswegs immer weiblich sind.In mehr als zehn sogenannten Hexendörfern in der Nordprovinz leben heute Hunderte von vertriebenen Frauen, Kindern und Männern. Der Glaube an Wunderheiler und Hexerei ist in ganz Südafrika weit verbreitet, auch in den städtischen Siedlungen der Schwarzen.Fast 200.000 Medizinmänner praktizieren ihre Künste."Muti", Zaubermittel, kann man überall kaufen.In der bitterarmen Nordprovinz, zu der mehrere ehemalige Homelands gehören, blühen auch Okkultismus und Schwarze Magie.Daran änderte auch die Apartheid nichts.Seit 1957 gilt in Südafrika ein Gesetz zur Unterdrückung von Hexerei.Aber erst nach der politischen Wende wurde bekannt, welch grausames Ausmaß die Jagd auf Hexen angenommen hat - oft gekoppelt mit politischen Motiven. Angesichts der zunehmenden Morde an "Hexen" sah sich die neue Provinzregierung unter Führung des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) zum Handeln genötigt.Sie setzte eine Untersuchungskommision ein, die einen fast 300 Seiten starken Bericht erstellte.Dem Töten soll nun ein Ende gesetzt werden - nicht nur durch strafrechtliche Verfolgung der Täter. "Die meisten schwarzen Polizisten in der Provinz glauben selbst an Hexerei", heißt es es in dem Bericht, in dem mehr als 100 brutale Fälle von Hexenverfolgung dokumentiert sind.Doch immerhin: 52 Menschen müssen sich seit Oktober in der Provinzhauptstadt Pietersburg wegen Gewalt gegen angebliche "Hexen" vor Gericht verantworten.Letzte Woche wurde ein weiterer Prozeß gegen 94 Verdächtige in Giyani eröffnet, am 3.Februar soll das Verfahren dann beginnen.Die Angeklagten waren festgenommen worden, sind aber wieder auf freiem Fuß. In einem Gesetzentwurf will die Provinzregierung aber auch neue Wege gehen.Während Missionare, Kolonialherren und Apartheid-Politiker von der eurozentristischen Sicht ausgingen, Hexerei sei schlicht Aberglaube, will der ANC jetzt anerkennen, daß "der Glaube an Hexerei ein Teil der afrikanischen Kultur" ist.Schon seit Jahrhunderten finden in Südafrika Dorfprozesse gegen angebliche Hexen statt.Erst mit dem Zerfall der traditionellen Gesellschaften enden sie jedoch so oft tödlich.Den Tip, daß jemand eine Hexe ist, geben meist sogenannte Sangomas, Wunderheiler, gegen viel Geld.Um reine Scharlatanerie zu verhindern, sollen sie jetzt in Verbänden organisiert werden. Auch Kirchenvertreter fordern einen anderen Umgang mit der Hexerei.Bekämpft werden müsse nicht der Glaube an sich, sondern dessen Auswüchse, die sich oft gegen sozial Schwache und Außenseiter richteten.

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