das-tut-man-nicht.de : Aus der Kirche austreten und Christ bleiben?

Kann man ein guter Christ bleiben, auch wenn man aus der Kirche austritt? Darauf antwortet der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx. Er nimmt Stellung zu der Frage eines wohlhabenden Christen, der sich über die Ansichten des Gemeindepfarrers über Reiche ärgert.

FRAGE:

Ich bin gut in meinem Job, und ich bin gläubiger Christ. Ich verdiene gutes Geld. Ich genieße mein Leben, ich spende auch viel. Aber ich habe es satt, dass Menschen wie ich in unserer Gemeinde in jeder zweiten Predigt wahlweise als Geldwechsler im Tempel, als Pharisäer, als unbarmherzige Herbergswirte, oder als unmoralische Kapitalisten charakterisiert werden. Das sind wir nicht. Meine Kinder sprechen mich schon darauf an, ob wir schlechte Menschen sind, weil wir reich sind, aber unser Pfarrer sieht das nicht ein, dass es so nicht weiter geht. Ich denke ernsthaft darüber nach, aus der Kirche auszutreten. Kann ich das machen – und ein guter Christ sein, wenn ich nicht mehr in der Kirche bin?



DR: REINHARD MARX ANTWORTET:

Wer zu einer großen Gemeinschaft gehört, der wird es immer mal wieder damit zu tun haben, dass man nicht mit allen und allem im Detail übereinstimmt. Und dann kann schon die Frage aufkommen: möchte ich eigentlich noch dazu gehören? Will man die Antwort auf diese Frage nicht unbedingt von Tagesform, Stimmungslage oder anderen Zufälligkeiten abhängen machen, sondern sachlich angemessen entscheiden, gilt es zwei Aspekte zu klären: Wie versteht sich die Gemeinschaft, zu der ich gehöre? Was hat die Gemeinschaft, zu der ich gehöre, mit dem zu tun, was mir wichtig ist?

Übertragen auf das Thema Kirche heißt das: „Was ist bzw. was will die Kirche?“ und „Was hat die Kirche mit dem Willen und den Absichten Jesu zu tun?“ Es fällt auf, dass Jesus zwar oft einzelne Menschen konkret persönlich angesprochen und in seine Nachfolge gerufen hat. Diese Menschen treten aber damit auch gleichzeitig in die Gemeinschaft der Jünger Jesu ein. Das Vertrauen auf und der Glaube an Jesus verbindet die Menschen. Christlicher Glaube führt nicht zur elitären Vereinzelung, sondern führt zusammen in die Gemeinschaft. Weil sie darum wissen, dass keiner etwas Besseres ist, weil ihnen bewusst ist, dass sie alle denselben himmlischen Vater haben und daher auch in geschwisterlicher Verantwortung füreinander verbunden sind, bilden die Glaubenden eine große Gemeinschaft, die Kirche.

Die einzelnen und die Gemeinschaft als Ganze möchte der Welt zeigen, was es heißt, an Jesus zu glauben und daraus zu handeln. Sie möchte selbst auch das bewirken, was Jesus gewirkt hat: die Menschen zusammenzuführen, so dass sich keiner ausgeschlossen und vernachlässigt fühlen muss und die Menschen mit Gott vertraut zu machen, so dass sie in ihrem Leben etwas von dem Glück und dem Heil erfahren können, die das Leben besonders lebenswert machen.

Weder Armut noch Reichtum sind allein ausreichend, um das Leben lebenswert zu machen. Wer arm ist, ist nicht automatisch ein besserer Mensch. Wer reich ist, aber auch nicht. Erfolgreich zu arbeiten, Gewinn zu erzielen, ist nicht unmoralisch oder unbarmherzig. Es kommt aber darauf an, was im Mittelpunkt steht. Und das kann nicht der Götze „Kapital“ sein, sondern das muss der Mensch sein. Wer viel besitzt, steht eher in der Gefahr, sein Herz an den Reich-tum zu hängen, an Geld, Besitz und Status. Aber es gibt natürlich auch viele, die ihren Reichtum teilen und für andere einsetzen. Pauschale Urteile helfen da nicht weiter. Es steht niemandem zu, eine Grenze festzusetzen, ab der der Weg in den Himmel versperrt ist oder zu entscheiden, wer ein besserer oder schlechterer Mensch ist. Gott schaut auf das Herz, ihn kann man nicht betrügen.

So wie es Jesus in seiner Verkündigung und in seinem Handeln darum ging, die Welt hin zu mehr Gerechtigkeit, Frieden und Freude zu verändern, so will das auch die Kirche. Sinn und Orientierung aus dem Glauben werden im gemeinsamen Beten, in der Feier der Sakramente (wie Taufe, Eucharistie, Ehe, Buße) erfahrbar. Mit ihren Schulen, Kindergärten und zahlrei-chen anderen Bildungsangeboten, will die Kirche Menschen nicht nur (weiter-)qualifizieren, sondern auch die froh machende Botschaft Jesu weitergeben. Das große soziale Engagement der Kirche für Mittellose und Benachteiligte, Arme und Schwache in Betreuungseinrichtungen sowie Sozialstationen möchte etwas von der Liebe Jesu zu den Menschen zeigen. Es gibt viele Aspekte, die das gemeinschaftliche Leben der Kirche ausmachen.

Ich finde es schade, wenn Christinnen und Christen sich nicht mehr an diesem gemeinschaftlichen Handeln der Kirche beteiligen, indem sie dieser Gemeinschaft nicht mehr angehören wollen und austreten, vor allem, wenn der Grund im Ärger über das Verhalten eines einzelnen Pfarrers liegt. Da würde ich - etwas abgewandelt – sagen: das sollte man eher nicht tun!


Zur Person:
Dr. Reinhard Marx ist seit 2007 Erzbischof des Erzbistums München und Freising. Der Theologe ist in der katholischen Bischofskonferenz der Fachmann für gesellschaftliche und soziale Fragen. Von 2002 bis 2007 war Marx Bischof der Diözese Trier, davor Weihbischof im Bistum Paderborn. Studiert hat Marx in Paderborn, Paris, Münster und Bochum.

Quelle: www.das-tut-man-nicht.de

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