Das-tut-man-nicht.de : Schläge oder Abschiebung

Die ehemalige Bundestagspräsidentin und Vorsitzende der Zuwanderungskommission, Rita Süssmuth, antwortet auf die Frage, was man tun kann, um einer illegal eingewanderten Frau zu helfen, die von ihrem Lebensgefährten schwer misshandelt wird.

FRAGE:
Mir ist eine Frau bekannt, die regelmäßig von dem Mann, bei dem sie lebt, brutal geschlagen wird. Dieser Mann ist einschlägig vorbestraft. Auch ich wurde von ihm bereits bedroht, als ich während eines massiven Streits an der Haustür geklingelt habe und der Frau meine Hilfe anbieten wollte. Die Frau lebt illegal in Deutschland und ist dem Mann hilflos ausgeliefert.

Ich befinde mich nun in einem Dilemma. Einerseits will ich nicht die Polizei verständigen, weil das für die Frau sicherlich Probleme wegen ihres Aufenthaltsstatus ergeben würde, andererseits will ich nicht daran Schuld sein, wenn der Frau ernsthaft etwas passiert.

Ein weiteres Problem ist, dass ich - falls ich doch die Polizei rufen sollte - auch von dem Mann Repressalien zu befürchten habe. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich mich verhalten soll. Tut man das, die Polizei verständigen?


RITA SÜSSMUTH ANTWORTET:
Ihre Situation ist eine ungemein schwierige, doch Ihrer Nachbarin kann sehr wahrscheinlich geholfen werden. Die erste Anlaufstelle wäre das Frauenhaus Ihrer Stadt. Der Status als illegal in Deutschland Lebende ist zwar auch hier ein Problem, aber je nach den Lebensumständen der Frau sind die Anwälte von Frauenhäusern in der Lage, konkrete Schritte einzuleiten. Hierbei kommt es auf Fragen an wie: Aus welchem Land kommt Ihre Nachbarin und wie ist die dortige politische Situation? Wie lange lebt sie schon in Deutschland? Hat die Frau Kinder? Die Anwälte haben dann die Möglichkeit frauenspezifische Asylgründe oder Abschiebehindernisse geltend zu machen.

Eine weitere Anlaufstelle wäre der Verein Solwodi. Auch hier helfen und beraten die Mitarbeiterinnen auch bei drohender Abschiebung und vermitteln ggf. auch entsprechenden Rechtsbeistand. Sollten alle Bemühungen scheitern und eine Abschiebung nicht verhindert werden können, würde Ihrer Nachbarin im Rahmen der Rückkehrhilfe von Solwodi auch in dieser schwierigen Situation geholfen werden. Sollte die Lage jedoch so akut sein, dass Lebensgefahr für die Frau besteht, muss die Polizei hinzugezogen werden. Daran führt dann kein Weg vorbei. Die Beamten sind in diesem Fall auch verpflichtet, nicht nur die betroffene Frau, sondern auch Ihre Person zu schützen, sollte der Mann Ihnen drohen.

Professionelle Hilfe suchen und bei akuter Gefahr oder Lebensgefahr die Polizei verständigen – JA, das tut man.


ZUR PERSON:
Prof. Dr. Rita Süssmuth, geb. 1937 in Wuppertal, studierte 1956-1961 Romanistik und Geschichte an den Universitäten Münster, Tübingen und Paris. Im Anschluss an ihre Promotion in Philosophie (1964) war sie Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Ruhr und Professorin für International Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. In dieser Zeit war sie Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Beratungskommissionen zur Jugend- und Familienpolitik für die damalige Bundesregierung. Süssmuth gehört seit 1981 der CDU an und war 1986-2001 Bundesvorsitzende der Frauen-Union der CDU. Zwischen 1985 und 1988 war sie Bundesministerin für Jugend, Familie, Gesundheit später auch für Frauen. 1988-1998 hatte sie das Amt der Präsidentin des Deutschen Bundestages inne. Sie ist Vizepräsidentin der Parlamentarischen Versammlung (PV) der OSZE und stellvertretende Leiterin der deutschen Delegation bei der PV der OSZE. 2001-2002 war sie Vorsitzende der Zuwanderungskommission der Bundesregierung, zwischen 2003-2005 Vorsitzende des Sachverständigenrats für Zuwanderung und Integration und von Januar 2004 bis Dezember 2005 Mitglied in der »Global Commission on International Migration«. Seit Januar 2006 ist Süssmuth Präsidentin des Deutschen-Polen Instituts und Vorsitzende der »EU Hochrangigen Beratergruppe (High Level Group) für Integration von benachteiligten ethnischen Minderheiten in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt« sowie Mitglied im Kuratorium des OECD Entwicklungszentrumprojekts »Bereicherung durch Migration«.

Quelle: www.das-tut-man-nicht.de

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