• das-tut-man-nicht.de: Was tun, wenn die Nachbarn eine illegale Ausländerin schikanieren?

das-tut-man-nicht.de : Was tun, wenn die Nachbarn eine illegale Ausländerin schikanieren?

Darf man einfach zuschauen, wenn die Nachbarn eine Frau im Haushalt beschäftigen, die illegal in Deutschland ist – und sie auch noch ausbeuten und schikanieren? Der katholische Sozialethiker Gerhard Kruip versucht, die Frage zu beantworten.

FRAGE:

Unsere Nachbarn beschäftigen eine illegale Ausländerin im Haushalt. Wir finden das unmöglich, vor allem, weil sie die arme Frau wirklich ekelhaft ausbeuten und ihr nicht einmal fünf Euro in der Stunde für die anstrengende Arbeit bezahlen. Wir wollten ihr helfen, aber sie fleht uns an, nichts zu unternehmen, weil sie Angst hat, entdeckt und abgeschoben zu werden. Wir sollten uns nicht einmischen, sagt sie. Kann man das machen – einfach zusehen, wie andere Menschen schlecht behandelt werden?

GERHARD KRUIP ANTWORTET:

Möglicherweise hat die ausländische Haushaltshilfe, die ohne geregelten Aufenthaltsstatus („illegal“) hier lebt, durchaus Recht mit ihrer Angst und vielleicht würden Sie ihr gar nicht helfen, wenn Sie etwas unternehmen würden, sondern ihr sogar noch schaden. Die Sache ist aber sehr kompliziert, weil hier gleich mehrere moralische Fragen angesprochen sind, die wir erst einmal sortieren sollten:

1. Ist es überhaupt moralisch zu vertreten, hier in Deutschland illegal zu leben und schwarz zu arbeiten? Schließlich wird dadurch gegen das Gesetz verstoßen und durch die Schwarzarbeit werden Sozialabgaben und möglicherweise auch Steuern hinterzogen. Müssten Sie nicht, wenn Sie davon Kenntnis erhalten, die illegal hier lebende Person sogar anzeigen?

2. Ist es überhaupt moralisch zu vertreten, illegal in Deutschland lebende Personen zu beschäftigen? Schließlich macht man sich dadurch ja ebenfalls der Verletzung von Gesetze schuldig und enthält der Sozialgemeinschaft Sozialabgaben vor. Hieße das, dass Sie deshalb Ihren Nachbarn anzeigen sollten?

3. Ist es moralisch zu vertreten, jemanden, der für einen arbeitet, auszubeuten und unterhalb des üblichen Satzes zu entlohnen – und zwar unabhängig davon, ob diese Person einen legalen Aufenthaltsstatus hat oder nicht?

4. Ist es moralisch zu vertreten, dass Sie sich in die Angelegenheiten Ihres Nachbarn einmischen?

5. Ist es moralisch zu vertreten, gegen ein Unrecht nicht vorzugehen (z.B. die Ausbeutung, aber möglicherweise auch die Illegalität), um möglicherweise größeren Schaden zu vermeiden? Ich will versuchen, auf die Fragen zunächst einzeln zu antworten, wobei für eine moralische Beurteilung eigentlich mehr Informationen nötig wären, als Sie in Ihrer Frage mitgeliefert haben.

Zu 1: Im Normalfall ist es moralisch nicht zu vertreten, sich in einem Land illegal aufzuhalten. Manchmal muss man aber einen Unterschied machen zwischen Legalität (Handeln nach dem Gesetz) und Legitimität (moralisch richtiges Handeln). Eine Ausnahme könnte nämlich der Fall sein, dass jemand sich aus einer großen persönlichen Notlage in eine solche Situation begeben hat. Diese Ausnahme ist um so plausibler, je mehr wir der Ansicht sind, dass die gesetzlichen Begrenzungen der Zuwanderung in Deutschland eigentlich nicht gerecht sind, weil wir sogar mehr Zuwanderung bräuchten und weil wir eine große Verpflichtung haben, Menschen in Not zu helfen. Wenn die Situation der Notlage auf diese Haushaltshilfe zutrifft und Sie gleichzeitig der Meinung sind, dass das Ausländerrecht in Deutschland eigentlich liberalisiert werden müsste, können Sie zum Ergebnis kommen, den Aufenthalt dieser Person moralisch legitim zu finden, obwohl er illegal ist. Diese Haltung wird um so glaubwürdiger, je mehr Sie sich zugleich politisch für eine Verbesserung der Rechte von Ausländern in unserem Land einsetzen. Unter diesen Voraussetzungen könnten Sie aus guten moralischen Gründen auf eine Anzeige verzichten.

Zu 2: Analog zum ersten Punkt wird man hier sagen müssen: eine solche Beschäftigung ist nur dann legitim, wenn sie Menschen tatsächlich in einer Notlage hilft. Wenn illegale Beschäftigung vor allem ökonomischen Interessen des Arbeitgebers wie etwa zur Hinterziehung von Sozialabgaben dient, ist sie nicht zu rechtfertigen. So wie Sie den Fall schildern, ist eher davon auszugehen, dass Ihr Nachbar nicht in erster Linie helfen will, sondern an einer möglichst billigen Arbeitskraft interessiert ist. Sein Verhalten wäre also sowohl illegal wie illegitim. Sie wären dann zu einer Anzeige verpflichtet.

Zu 3: Ein Erwerbsarbeitsverhältnis ist im Grunde ein Tauschgeschäft: Arbeit gegen Geld. Nach dem Prinzip der Tauschgerechtigkeit sollten dabei gleichwertige Güter getauscht werden. Allerdings ist oft schwer festzustellen, wie viel Arbeitszeit bei welcher Art von Arbeit welchem Geldbetrag entspricht. Deshalb wird man sagen: sofern beide Seiten den Vertrag über einen solchen Tausch freiwillig abschließen, ist davon auszugehen, dass beide Seiten die Tauschgerechtigkeit für gewährleistet halten. Freiwilligkeit ist dann gegeben, wenn beide Seiten auch Alternativen haben, die gleiche Verhandlungsmacht mitbringen und die Freiheit haben, den Vertrag auch wieder zu kündigen. Das ist in Ihrem Fall natürlich nicht gegeben, weil die ausländische Haushaltshilfe hier in einer sehr viel prekäreren Lage ist, als Ihr Nachbar. Deswegen ist Ihr Nachbar ja auch in der Lage, ihr einen Lohn zu zahlen, der offenbar weit unter dem Durchschnitt vergleichbarer üblicher Arbeitsverhältnisse in diesem Bereich liegt. In dieser Hinsicht liegt also tatsächlich ein Unrecht vor und Sie hätten die Moral auf Ihrer Seite, wenn Sie dagegen vorgehen würden.

Zu 4: Unsere Gesellschaft lebt davon, dass wir den Einzelnen hinsichtlich ihrer persönlichen Angelegenheiten einen relativ großen Freiraum gewähren. In seinen eigenen vier Wänden sollten alle möglichst das tun können, was sie gut finden. Allerdings muss diese Freiheit dort ihre Grenze finden, wo sie zu Lasten von Menschen geht, die sich nicht wehren können. Wenn Sie z.B. wahrnehmen, dass in Ihrer Nachbarschaft ein Kind missbraucht wird, dass ältere pflegebedürftige Menschen von ihren Angehörigen vernachlässigt werden, wenn Sie mitbekommen, dass Ihre Nachbarin immer wieder von ihrem alkoholsüchtigen Mann geschlagen wird, dann sehe ich sehr wohl eine Pflicht, hier einzugreifen – ja in schlimmen Fällen tatsächlich auch die Polizei einzuschalten. Die Ausbeutung einer Arbeitskraft ist allerdings vielleicht ein nicht ganz so gravierendes Unrecht wie die eben angeführten Beispiele. Deswegen ist die Abwägung zwischen Pro- und Contra-Argumenten hier vielleicht auch schwieriger.

Zu 5: Bei dieser Frage handelt es sich nun wirklich um ein Abwägungsproblem par excellence. In der Tat haben wir ein Problem, wenn die Bekämpfung moralischer Übel selbst wiederum ein möglicherweise noch größeres Übel hervorruft. Bei sehr schlimmen moralischen Übeln muss man natürlich zu Opfern bereit sein, um sie zu bekämpfen. Wie man sich in solchen Fällen entscheidet, ist letzten Ende wirklich eine Gewissensfrage, weil es einfach keine objektiven Messgrößen gibt, die es einem erlauben würden, rechnerisch eine klare Bilanz zu ziehen. Das gilt insbesondere für solche Fälle, in denen den einen der Vorteil, den anderen aber der Nachteil trifft. In Ihrem Fall ist es so, dass die Person, die in ihrem Arbeitsverhältnis ausgebeutet wird, zugleich froh über ihre Beschäftigung bei Ihrem Nachbarn ist. Hier fallen also die begünstige und die geschädigte Person zusammen. In einem solchen Fall würde ich dann die notwendige Abwägung der betroffenen Person überlassen. Sie hat Sie ja auch „angefleht“, nichts zu tun. Das hieße in diesem Fall: Sie unternehmen tatsächlich nichts.

Ziehen wir Bilanz: die Antworten auf die Überlegungen zu den fünf Punkten sind leider unterschiedlich ausgefallen: In den Punkten 2 und 3 hat sich eher die Überlegung herausgestellt, dass Sie gegen Ihren Nachbarn vorgehen sollten. Die Punkte 1 und 5 sprachen eher dagegen, bei Punkt 4 ergab sich ein etwas schwächeres Argument für ein Einschreiten von Ihrer Seite. Wir haben es hier mit einer Situation zu tun, die in komplexen moralischen Alltagsfragen leider häufiger auftritt: die moralische Argumentation führt nicht zu einem eindeutigen Ergebnis. Trotzdem ist sie hilfreich, um sich zu orientieren, ersetzt aber nicht die Entscheidung für oder gegen eine Handlung, die man ja irgendwann treffen muss. Möglicherweise stellt sich aber nach einer solchen Reflexion eine innere Gewissheit ein für eine bestimmte Lösung, auch wenn sie nicht eindeutig begründet werden kann. Ich persönlich würde in Ihrem Fall nichts unternehmen – außer Sie schaffen es, ein vertrauensvolles Verhältnis zu Ihrem Nachbarn aufzubauen und ihm persönlich ins Gewissen zu reden, so dass er von sich aus seiner Haushaltshilfe mehr bezahlt. Ich würde aber nicht das Risiko eingehen, dieser Haushaltshilfe zu schaden. Ideal wäre es natürlich, wenn es Ihnen gelingen könnte, die Situation grundsätzlich so zu verändern, dass die genannten Dilemmata gar nicht erst auftreten. Könnte es eventuell Wege gehen, dieser Haushaltshilfe einen legalen Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen? Könnten Sie ihr dann evtl. helfen, einen Arbeitsplatz zu finden, an dem sie nicht ausgebeutet wird? Könnten Sie ihr helfen, bei einer Rückkehr in ihre Heimat, dort eine menschenwürdige Existenz aufzubauen? Und was könnten Sie tun, um die politischen Verhältnisse und die rechtlichen Regelungen in unserem Land so zu verändern, dass solche Probleme weniger oft auftreten? Das tut man nicht.

ZUR PERSON:

Gerhard Kruip ist Professor für christliche Anthropologie und Sozialethik an der Universität Mainz. Sein Forschungsschwerpunkt liegt beim Thema Gerechtigkeit und Globalisierung. Ehrenamtlich engagiert er sich vor allem für Mexiko. Kruip ist Mitglied der Bioethikkommission des Landes Rheinland-Pfalz, außerdem berät er die Deutsche Bischofskonferenz. Der Theologe war maßgeblich an dem Reformpapier vieler deutscher Theologen beteiligt, die im Februar 2011 deutliche Reformen der katholischen Kirche verlangten.

Quelle: das-tut-man-nicht.de

27 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben