Das tut man nicht : Schulstreit - taugen öffentliche Schulen noch etwas

Eltern wollen die beste Schulbildung für ihre Kinder. Die öffentlichen Schulen sind in Verruf geraten. Staat oder Privat - auf welche Schule sollen wir unser Kind schicken?

Wir müssen im kommenden Jahr unser erstes Kind einschulen und haben uns bei mehreren Schulen beworben. Meine Frau möchte, dass unser Sohn auf eine private Schule geht, auf die in unserer Gegend die Kinder wohlhabender und gebildeter Eltern gehen. Ich möchte, dass er auf die öffentliche Schule geht, die auch einen guten Ruf hat. Schließlich gehen die öffentlichen Schulen kaputt, wenn alle ihre Kinder auf Privatschulen schicken. Meine Frau wirft mir vor, nicht an unsere Kinder und an deren Zukunft denken. Hat sie Recht? Tut man das nicht mehr - seine Kinder auf normale Schulen schicken?


Henrik Enderlein antwortet:

Die entscheidende Frage ist doch: Sind Schulen in freie Trägerschaft besser als öffentliche Schulen? Der Ökonom antwortet: wahrscheinlich schon. Der Sozialdemokrat antwortet: hoffentlich nicht. Die Eltern antworten: das kommt drauf an. Ich weiß von meinen Eltern (und vielen anderen Eltern), dass sie sich vor Jahrzehnten genau die gleichen Fragen gestellt haben, die Sie sich heute stellen. Was aus der Sicht der Eltern gut für das eigene Kind ist, ist nicht notwendiger Weise gut für die ganze Gesellschaft. Im Mittelpunkt sollte dann wahrscheinlich stehen, welche Komponenten der Ausbildung es nur bei einer Schule in freier Trägerschaft gibt. Denn Ihre Frage zeigt doch zuallererst, dass es an manchen Stellen Skepsis gegenüber dem staatlichen Schulsystem gibt - und dass einige positive Aspekte wohl nur bei Schulen in freier Trägerschaft anzutreffen sind. Ich war selbst auf einer Waldorfschule und habe durchaus gemischte Erfahrungen gemacht: Einige Elemente meiner Ausbildung hätte ich in der damaligen staatlichen Schule wohl nie in vergleichbarer Form erhalten, dafür bin ich sehr dankbar.

Andererseits reiben sich gerade Waldorfschüler gern an der anthroposophischen Grunddoktrin. Das, was Eltern oft als "Privatschulcharakter" sehen, ist nicht bei allen Schulen in freier Trägerschaft sehr ausgeprägt: Gute Schulen in freier Trägerschaft bemühen sich, eine einigermaßen breite soziale Durchmischung zu erreichen. Positiv sehe ich bei Schulen in freier Trägerschaft vor allem die Freiheiten für die Lehrenden und die innovativen Möglichkeiten bei der Pädagogik. Andererseits: Wir alle sehen in den vergangenen Jahren aber auch, dass sich das staatliche Schulsystem gerade auch wegen der starken privaten Konkurrenz deutlich verbessert hat und offener geworden ist. Ohne ein privates Parallelsystem wäre es vielleicht nicht so weit gekommen. Ob ich mich in der Politik für ein Gutscheinsystem à la Niederlande einsetzen würde, weiß ich nicht. Ich bin da ebenso wie Sie, gespalten. Ein staatliches Schulsystem ist sehr wichtig. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass ein staatliches Schulsystem eigentlich alles erreichen kann, was ein privates Schulsystem schafft - aber nur unter der Bedingung, dass der Rahmen ausreichend flexibel ist und die Finanzierung stimmt. An meiner mäandernden Argumentation merken Sie, dass ich auch keine klare Antwort weiß. Auf das Ja/Nein-Spektrum reduziert antworte ich: Ja, kann man machen. Das kann man tun.

Für einen 35jährigen hat Henrik Enderlein bereits eine Menge hinter sich: Waldorfschule, Einserabitur, Ökonomie- und Politik-Studium an Elite-Universitäten in Paris und New York. Danach hat er bei der Max-Planck-Gesellschaft und der Europäischen Zentralbank gearbeitet und wurde Junior-Professor an der Freien Universität. Heute lehrt er an der Hertie School of Governance in Berlin, die junge Führungskräfte für politische, staatliche und gesellschaftliche Institutionen ausbildet. Enderlein ist verheiratet und hat zwei Kinder. Außerdem ist der Sohn des früheren FDP-Politikers und brandenburgischen Wissenschaftsministers Hinrich Enderlein Mitglied der SPD.
Quelle: www.das-tut-man-nicht.de

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