Welt : "Das Verbrechen der Liebe...": Polski Passion

Christoph von Marschall

Es ist schon ein Kreuz mit der schönen Literatur. Sieht man es politisch, erscheint sie meist eine Epoche zu spät. Andererseits braucht Literatur wahrscheinlich diesen Abstand zu den großen historischen Umbrüchen, schließlich entsteht sie nicht von heute auf morgen. "Das Verbrechen der Liebe in der Mitte Europas" ist so ein Fall, und man hadert deshalb lange mit ihm. Marielouise Janssen-Jurreit, die 1976 mit ihrem Bestseller "Sexismus - Über die Abtreibung der Frauenfrage" schlagartig bekannt wurde, beschreibt eine, wie man so sagt, "unmögliche Liebe" zwischen einer auf den ersten Blick gar nicht so untypischen Deutschen der "Bonner Republik" und einem polnischen Intellektuellen im Jahr 1981: dem Jahr, in dem die Gewerkschaft Solidarnosc den Gipfel ihres Erfolgs in der Auflehnung gegen den Kommunismus erreichte, aber am 13. Dezember auch verboten wurde.

Wollen wir das noch lesen? Das kommunistische Polen ist seit zwölf Jahren Geschichte, die Bonner Republik ebenso. Jetzt sehnt man sich nach einem einfühlsamen, packenden Roman über die Wende in Mitteleuropa - die wenigstens nur ein Jahrzehnt zurückliegt - , über die, weiß Gott, noch immer ziemlich konfliktreichen Jahre der Annäherung zwischen dem vereinten Deutschland und dem demokratischen Polen. Das dürfte dann ruhig auch romantisch aufgepeppt sein, mit einer deutsch-polnischen Liebschaft. Aber jetzt noch ein Roman über die Epoche davor? Der Titel hat es aber immerhin einmal auf den Spitzenplatz der SWR-Bestenliste geschafft.

Die Hauptperson, Nori Laezius, ist eine unsichere und ängstliche Akademikerin, weder lebens- noch sinnenfreudig. Ihre Habilitationsschrift befasst sich mit dem Einfluss der Darwinschen Entwicklungslehre auf Politik und Literatur im Deutschen Reich. Ihr Mann Leonhard ist ein hoher Beamter im Bundespresseamt, der sich privat nur für seine Weinsammlung erwärmen kann. Erotik Fehlanzeige, gelegentlicher Sex dient mehr der Ehe-Hygiene. Nori hat sich sterilisieren lassen. Allmählich wird klar, dass die Abwehr der Gefühle ein Schutzwall gegen traumatische Kindheitserlebnisse ist.

Doch diese Fassade bricht ein, als Nori 1981 ihren Geburtsort Kolberg besucht, der nun Kolobrzeg heißt und in Polen liegt. Eigentlich sollte sie nur ihre Mutter dorthin begleiten, aber die ist krankheitshalber daheim geblieben, die Begegnung mit Orten der Kindheit liefert Nori plötzlich all den tief vergrabenen Emotionen aus. Sie verliebt sich in Adam, der mit der antikommunistischen Opposition sympathisiert und sich gerade auf einen Stipendienaufenthalt in West-Berlin vorbereitet. Nach der Rückkehr nach Bonn besucht Nori ihn dort immer wieder, quartiert sich bei einer Freundin ein, erlebt eine amour fou auf dem Küchenboden, die schließlich zur Schwangerschaft führt (trotz Sterilisation). Aber da ist Adam bereits nach Polen zurückgereist - gerade wurde das Kriegsrecht verhängt. Und er betrachtet es als seine patriotische Pflicht, im Untergrund weiterzukämpfen.

Na, scheint das nicht ziemlich dick aufgetragen: "Verbrechen der Liebe"? Es war gewiss nicht einfach damals, zwischen Deutschland und Polen zu reisen, und angenehm schon gar nicht. Die Visaformalitäten, die Spontaneität nicht zuließen, die zum Teil schikanösen Kontrollen, die abstoßenden Bedingungen in den Zügen. Aber man konnte doch zueinander, auch unter Kriegsrecht. Die schlimmste Zeit des Kalten Kriegs war vorbei, zehn Jahre wurde damals bereits Entspannung geprobt, seit Brandts Ostpolitik Anfang der 70er.

Ja, mancher Leser wird kämpfen mit diesem Buch. Weil er so viel Konfliktstoff vorfindet, als sei er hineingepresst worden. Noris Vater war nicht nur ein Nazi, er muss auch noch seine erste Liebschaft verraten haben: als er herausfand, dass es ein jüdisches Mädchen war; natürlich begleitet uns diese Person als ständige Mahnung durch die Handlung. Ihre Großeltern russischerseits ein Opfer von Sozialismus und Vertreibung. Adams Mutter eine Jüdin, die das aber vor ihrem Sohn verheimlicht, um ihn vor antisemitischen Ressentiments in Nachkriegspolen zu bewahren - was zu einer unheilbaren Entfremdung zwischen ihnen führt, als er dies herausfindet. Es wird nichts ausgelassen an Konflikten, Utopien und Irrglauben, an biografischen Brüchen, Opportunismus und Verrat, zu denen das 20. Jahrhundert mit den beiden Diktaturen, der braunen und der roten, reichlich Gelegenheit bot. In dieser Konzentration kann das leicht als konstruiert empfunden werden.

Zudem gibt es das Polen, das Marielouise Janssen-Jurreit beschreibt, längst nicht mehr. Mehr noch: Nicht einmal mehr die Erinnerung daran prägt das Polen von heute, in dem rund die Hälfte der Bevölkerung jünger als 35 Jahre als ist - und damit geprägt vom neuen Alltag ohne Planwirtschaft und Kommunismus. Breitet die Autorin hier nicht das Leiden an einem Jahrhundert aus, das vergangen ist - und das den meisten Zeitgenossen keine nächtlichen Panikattacken mehr beschert wie Nori Laezius? Und doch wird auch der skeptische Leser gepackt von der Handlung, empfindet nach und nach als geradezu authentisch, was ihm anfangs konstruiert vorgekommen sein mag. Weil es diese Familiengeschichten eben gegeben hat. Zum Schluss löst sich das Unbehagen über die Unzeitigkeit dieses Romans plötzlich auf. Nach all den Verzweiflungen und seelischen Niederungen mündet dieser so lange durchgehaltene Spannungsbogen in ein erlösendes Happy-end.

Kitsch? Nein! Ein Happy-end, wie es authentischer nicht sein kann: 1989 ging das 20. Jahrhundert "mit einem Gnadenakt der Geschichte zu Ende". Adam junior, der Sohn, wird in einer freien Welt aufwachsen, in einem Europa, das sich vereinigt. Aber wie soll seine Generation der heute 20-Jährigen und Jüngeren das Ausmaß dieser Gnade voll erfassen? Dafür muss man wohl all diese Verbrechen, die dann sogar die Liebe in der Mitte Europas als ein Verbrechen erscheinen ließen, noch einmal durchlesen haben. Und dann wäre dieses Buch doch nicht eine Epoche zu spät erschienen.

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