Welt : Das versteckte Leiden

Der Schauspieler Robert De Niro hat Prostatakrebs. In Deutschland erkranken daran jedes Jahr 35000 Männer

Hartmut Wewetzer

Der Schauspieler Robert De Niro verkörpert den harten Typen. Einen Mann, den so schnell nichts aus der Bahn wirft. In mehr als 60 Filmen hat er mitgewirkt, darunter „Der Pate 2“, „Casino“ und „Taxi Driver“. Jetzt wurde De Niro mit einer Krankheit konfrontiert, für die er auch im wirklichen Leben Stärke braucht: Prostatakrebs.

„Die Ärzte sagen, die Krankheit wurde wegen regelmäßiger Untersuchungen in einem frühen Stadium entdeckt“, sagte ein Sprecher des 60-jährigen Schauspielers am Montag in New York. Deshalb und wegen der guten Verfassung De Niros hoffe man auf eine vollständige Heilung. Der Schauspieler will trotz der Krankheit Anfang 2004 seinen nächsten Film „Hide and Seek“ drehen.

Zu seinem Leiden wollte sich De Niro öffentlich nicht äußern. Aber er ist in guter Gesellschaft. Die Schauspieler-Kollegen Charlton Heston, Jerry Lewis, Roger Moore und Alec Guinness, die Sänger Harry Belafonte und Frank Zappa, der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani und der US-General Norman Schwarzkopff – sie alle erkrankten an Prostatakrebs. Denn dieser Tumor ist in Amerika wie bei uns der häufigste Krebs beim Mann. In Deutschland wird die Diagnose jedes Jahr bei rund 35000 Männern gestellt.

Die walnussgroße Prostata liegt versteckt unterhalb der Blase und ist dem Enddarm vorgelagert. Die meisten Männer machen aus einem ganz anderen Grund als Krebs irgendwann in ihrem Leben Bekanntschaft mit der „Vorsteherdrüse“. Denn die Prostata neigt schon ab dem 30. Lebensjahr zu gutartigen Wucherungen. Weil sie die Harnröhre umschließt, wird der Abfluss des Urins erschwert. Der Harnstrahl wird dünner und schwächer, die Männer müssen häufiger auf Toilette, und die Blase kann sich mitunter nur noch ungenügend entleeren.

Anders als diese lästigen, aber in der Regel nicht bedrohlichen Beschwerden bleibt der Prostatakrebs – also die bösartige, zerstörerische Wucherung – meist unbemerkt. Erst in vergleichsweise fortgeschrittenen Stadien macht er auf sich aufmerksam. Und dann ähneln die Zeichen nicht selten den häufigen Allerweltsbeschwerden durch die gutartige Prostatawucherung: Probleme beim Wasserlassen. Andere Warnzeichen sind Blut im Urin oder Schmerzen in Kreuz und Becken.

Allerdings hat die Medizin einen großen Trumpf in der Hand. Ihm ist es wohl zu verdanken, dass De Niros Krebs so früh entdeckt wurde. Denn der Prostatakrebs ist der einzige weit verbreitete Tumor, der mit einem simplen Bluttest erkannt werden kann. Der Test misst ein Eiweiß, das von den Krebszellen ins Blut abgegeben wird – eine verräterische Fußspur namens „Prostata-spezifisches Antigen“, kurz PSA genannt.

Ein erhöhter PSA-Wert ist ein Indiz für Krebs. Eine Biopsie – dabei wird mit einer Nadel Prostatagewebe entnommen – bringt dann Klarheit darüber, ob ein Tumor vorliegt oder nicht. Obwohl der PSA-Wert bei der Früherkennung viel aussagekräftiger ist als ein Abtasten der Prostata vom Enddarm aus, wird er jedoch von den Krankenkassen nicht bezahlt. Wer einen PSA-Test haben will, muss selbst dafür aufkommen.

Allerdings ist der PSA-Test nicht unumstritten. Denn nicht selten gibt es falschen Alarm – oder ein Tumor wird entdeckt, der vielleicht noch etliche Jahre keine Probleme gemacht hätte. Der Chirurg Julius Hackethal, selbst an Prostatakrebs gestorben, prägte dafür den Ausdruck „Haustierkrebs“.

„Wir fordern ja gar nicht, dass jeder Mann ab 50 einen PSA-Test machen lässt“, sagt der Urologe Kurt Miller von der Berliner Charité, Campus Benjamin Franklin. „Aber jeder Mann sollte über die Möglichkeit eines solchen Tests und seine Vor- und Nachteile Bescheid wissen und sich dann entscheiden.“ Von den deutschen Männern sagt Miller, dass sie in dem Irrglauben lebten, „sowieso immer gesund zu sein“. Anders in Amerika: dort kennt fast jeder Mann „seinen“ PSA- Wert. So wie Robert De Niro.

Weil nicht jeder Prostatakrebs schnell wächst, kann es auch gute Gründe geben, statt einer Therapie einfach nur abzuwarten. Angesichts der latenten Gefahr entscheiden sich trotzdem viele Männer für einen Eingriff. Welche Form der Behandlung für einen Tumor, der noch nicht in andere Organe gestreut hat, allerdings die richtige ist, darüber wird gestritten. Zwei Verfahren stehen sich gegenüber: Operation und Bestrahlung.

Komplikationen der Operation sind Inkontinenz und Impotenz. Allerdings wird immer häufiger nerverhaltend operiert, so dass die Impotenzgefahr deutlich gesenkt werden kann. Die Bestrahlung – entweder von außen oder über radioaktive Sonden direkt in der Prostatadrüse – führt eher zur Abflussbehinderung aus der Blase. Je jünger die Patienten, umso eher werden sie operiert.

Das Risiko für Prostatakrebs wird zum Teil vererbt. Aber auch häufiger Fleischkonsum und tierische Fette erhöhen die Gefahr, frisches Gemüse und pflanzliche Fette senken sie. Aufsehen erregte vor kurzem eine Studie australischer Forscher. Sie stellten fest, dass Männer, die frühzeitig fünfmal wöchentlich onanierten, ein um ein Drittel geringeres Risiko hatten.

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