Welt : Das Volk gegen O. J. Simpson

Vor zehn Jahren wurde er freigesprochen. Bekommt er jetzt wegen einer anderen Sache lebenslänglich?

Christoph von Marschall[Washington]

Amerika hält O. J. Simpson für einen Mörder, der unverdientermaßen in Freiheit lebt. Das ist die Tonlage, wenn die Medien über seine bizarre Eskapade vor einem Monat in Las Vegas berichten und über die juristischen Konsequenzen, die ihm nun drohen. Wegen eines bewaffneten Überfalls auf Andenkenhändler in einem Hotel der Spielerstadt kommt der Ex-Football-Star womöglich doch noch für den Rest seines Lebens hinter Gitter.

Zwei Mitangeklagte haben Deals mit der Anklage geschlossen, um selbst mit niedrigeren Strafen davon zu kommen. Das berichtet die Nachrichtenagentur AP. Sie wollen bezeugen, dass Waffen im Spiel waren, als Simpson mit mehreren Begleitern das Zimmer der Souvenirhändler betrat, um sie zur Herausgabe von Trophäen aus seiner Sportlerkarriere zu zwingen. Simpson habe sie angestiftet, die Waffen mitzunehmen, sagen sie. Das würde, falls es zum Schuldspruch kommt, den Unterschied zwischen einer kurzen Haftstrafe und vielen Jahren ausmachen. Für einen Großteil der Gesellschaft wäre es ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Die Frage, die Amerika wirklich bewegt, ist nicht der Konflikt, wem die umstrittenen Andenken aus jener Septembernacht in Las Vegas gehören. Die Händler behaupten, sie hätten sie rechtmäßig erworben. Simpson sagt, sie seien sein Eigentum. Er habe sich nur zurückholen wollen, was ihm gehört, und Begleiter mitgenommen, um nachdrücklicher aufzutreten. Waffen habe niemand benutzt.

Die Amerikaner hadern dagegen mit dem Gedanken, dass ein Doppelmörder ungestraft davongekommen ist. Und sie hadern mit ihrer Justiz. In den USA darf ein Mensch, der frei gesprochen wurde, nicht ein zweites Mal wegen des selben Vergehens vor Gericht kommen.

1994 waren die Ex-Frau des Footballstars, Nicole, und deren Freund Ronald Goldman ermordet aufgefunden worden. O. J. Simpson floh in einem weißen Geländewagen. Die Verfolgungsjagd wurde stundenlang von Helikoptern gefilmt und im Fernsehen übertragen. Im Strafprozess sprach ihn die Jury 1995 frei. Seinen Anwälten war es gelungen, den schwarzen Sportler als Opfer von Rassenjustiz zu porträtieren. Im zivilen Schadensersatzprozess, den die Familie Goldman anstrengte, wurde Simpson dagegen 1997 schuldig befunden und zu 33,5 Millionen Dollar Schadensersatz verurteilt. Bis heute hat der 60-Jährige nur einen Teil der Schuld beglichen. Auch dem Staat Kalifornien schuldet er noch 1,44 Millionen Dollar Steuern, wurde jetzt bekannt. Arm ist Simpson nicht. Aus fünf Rentenversicherungen erhält er 400 000 Dollar im Jahr.

Doch angesichts seines Lebensstils leidet er offenbar chronisch unter Geldmangel. Seit 2000 wohnt er in Florida, in einem ranchartigen Anwesen mit Swimming Pool in einem Vorort von Miami. Nach den dortigen Gesetzen dürfen Immobilien nicht zwangsversteigert werden, um Schulden einzutreiben. Dort lebte er seit Jahren relativ zurückgezogen, brachte seine jüngsten Kinder durch die High School und ins College und verdiente sich mit Medienauftritten und Autogrammstunden etwas dazu.

Die öffentliche Stimmung kippte in allgemeine Empörung, als Simpson vor einigen Monaten versuchte, mit einem nachgelieferten Mordgeständnis in Buch und Film unter dem Titel „If I did it“ kräftig Geld zu machen. Der Buchverlag und die TV-Sender zogen sich angesichts der Stimmung von dem Projekt zurück.

Die Abläufe der Konfrontation mit den beiden Andenkenhändlern am 15. September in Las Vegas sind nach wie vor unklar. Zwei mitangeklagte Begleiter, Charles Cashmore und Walter Alexander, haben laut AP ausgesagt, Simpson habe sie aufgefordert, Waffen mitzunehmen und sichtbar zu tragen, um Druck zu erzeugen, sie aber nicht zu benutzen. Ein dritter Mann, Michael McClinton, habe im Hotelzimmer den wilden Mann gespielt, seine Waffe drohend gezogen und gerufen: „Alle an die Wand stellen!“ Simpson habe ihn daraufhin beruhigt und aufgefordert, die Waffe wegzustecken.

Doch dieser angebliche Dialog ist auf einem Tonband, das der Vermittler des Treffens, Thomas Riccio, angeblich die ganze Zeit mitlaufen ließ, nicht zu hören. Simpson bestreitet das alles. Er habe nicht zur Mitnahme von Waffen aufgefordert, und es habe auch niemand Waffen getragen.

Es wird noch einige Zeit vergehen, bis das Strafverfahren mit der in den USA üblichen Formel „Das Volk gegen …“ O. J. Simpson eröffnet wird. Doch wenn die Anklage die Jury überzeugt, dass der Streit als Raubüberfall und Kidnapping mit vorgehaltener Waffe zu bewerten ist, würde der Footballstar wohl doch noch lebenslang hinter Gitter kommen.

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