Welt : „Das Wasser stand mir bis zum Hals“

Der Monsterhurrikan „Ike“ ist mit einer meterhohen Wasserwand über die Küste von Texas hereingebrochen

Rita Neubauer

Houston hat ein Problem. Aber nicht nur Houston. Die Nacht schien kein Ende zu nehmen für die vorgelagerte Stadt Galveston an der Küste. Mit sturzflutartigen Regenfällen, peitschenden Winden und meterhohe Brechern einer wütenden See war Hurrikan „Ike“ Samstag früh über die der texanischen Küste vorgelagerte Insel hereingebrochen. Eine meterhohe Wasserwand schob sich über die Küstenlinien, schob sich durch die ersten Häuserreihen weit ins Landesinnere. Die Bilder ähnelten denen des großen Tsunami Ende 2004 in Thailand und Indonesien.

Bei Sonnenaufgang bot sich ein erschreckendes Bild: die historische Stadt stand völlig unter Wasser, die Stromversorgung war zusammengebrochen, durch Kurzschluss ausgelöste Brände loderten, verzweifelte Menschen standen auf Dächern, und schrieen um Hilfe. Mindestens zwei Menschen kamen entlang der Küste ums Leben. Ein junger Mann, der nahe Corpus Cristi in den Fluten ertrank, sowie ein Junge, der von eine Baum erschlagen wurde. Von „Ike“ betroffen sind rund 13 Millionen Menschen entlang der Küste, in Houston und umliegenden Regionen. 30 bis 40 Prozent der 57 000 Einwohner in Galveston hatte den niedrigen Inselstreifen trotz eindringlicher Warnungen nicht verlassen. „Das Wasser stand mir bis zum Hals“ berichtete am Morgen ein Bewohner mit wirrem Blick und nassen Klamotten auf dem Fernsehsender MSMBC.

„Wir wissen nicht, was wir vorfinden werden. Aber wir hoffen, dass die Leute, die sich zum Bleiben entschlossen, am Leben sind“, erklärte Bürgermeisterin Lyda Ann Thomas in der Nacht zuvor gegenüber dem „Houston Chronicle“. Pessimistisch dagegen äußerte sich City Manager Steve LeBland. Er bat die Presse doch davon Abstand zu nehmen, „bestimmte Dinge“, sprich Leichen, zu fotografieren.

„Meine Frau bekam Angst und ist weg. Ich jedoch vertraue in den da oben“, betonte Rentner William Steally am Tag zuvor gegenüber AP mit einem Blick gen Himmel. „Er wird schon auf mich aufpassen.“ Auch Clarence Romas, ein 55-Jähriger Handwerker, wollte den Sturm „ausreiten“ – mit Freunden in seinem Erdgeschoss-Apartment. Mit den Worten „was passiert, passiert“ schlug er die Warnung des US-Hurrikanzentrums in Miami in den Wind, das die Zurückgebliebenen vor einem „sicheren Tod“ gewarnt hatte.

In Surfside, einer kleinen Küstengemeinde westlich von Galveston, waren noch am Freitag Nachmittag, als die See schon die Strände geschluckt hatte, die Polizei durch die überfluteten Straßen gerollt. Wer der Evakuierung nicht Folge leiste, so ihr Aufruf, solle seine Sozialversicherungsnummer auf dem Arm notieren – damit sie alt Tote später besser identifiziert werden können. Diese drastische Aufforderung funktionierte: die meisten Bürger traten den Rückzug an.

In Galveston schlugen noch am Samstag bei Tagesanbruch mehr als fünf Meter hohe Wellen über den Seewall der Stadt. Dieser war nach einem verheerenden Hurrikan im Jahr 1900 errichtet worden. Damals wurde Galveston völlig zerstört, mehr als 8000 Menschen kamen ums Leben, darunter viele deutsche Einwanderer. Getestet wurde Galveston erneut vor drei Jahren, als Hurrikan „Rita“ auf die Insel niederkam. Damals jedoch hatten nahezu 100 Prozent der Einwohner der Zwangsevakuierung Folge geleistet.

„Die Größe, Stärke und Richtung des Sturms könnte katastrophale Auswirkungen haben“, betonte am Freitag der Direktor des Heimatschutzministeriums, Michael Chertoff, dem die Katastrophenschutzbehörde Fema untersteht. „Ike“ ist mit einem Durchmesser von über 1.400 Kilometer so groß wie der Bundesstaat selbst – das heißt: etwa so groß wie die Bundesrepublik Deutschland.

3500 Retter sowie 7500 Nationalgardisten kamen am Samstag zum Einsatz. Bereitgestellt wurden von Fema auch zehn Millionen Liter Trinkwasser, zwei Millionen Mahlzeiten und 200 Stromgeneratoren für Hospitäler und andere öffentliche Gebäude. Auch in der Millionenstadt Houston entschieden sich viele zum Bleiben und trotzten „Ike“, der mit Windgeschwindigkeiten von 175 Stundenkilometer über die Öl-und Erdgasmetropole hinwegfegte. Schwere Überschwemmungen musste die viertgrößte Stadt nicht fürchten, da sie 80 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Doch mehrere Millionen Haushalte waren am Wochenende ohne Strom. Zerbrochene Fensterscheiben regneten auf die Bürgersteige herab, und hunderte von Anrufe gingen bei den Notrufzentralen ein.

Völlig unklar sind derzeit noch die Schäden an den Ölplattformen sowie an den Anlagen der Raffinerien in Houston. Die Stadt ist das Zentrum der Ölindustrie.

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