Welt : Das Weiße Haus als Sitcom-Kulisse

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Clinton präsentiert sich in einem Kurzfilm als Vorzeige-Rentner

Zweimal im Jahr muss ein US-Präsident so tun, als habe er einen anderen Job. Die Korrespondenten-Dinner stehen an. Erst versammeln sich die Menschen von Funk und Fernsehen, dann, zwei Wochen später, ist die schreibende Zunft an der Reihe. Bill Clinton ist als Ehrengast dabei - und wird verspottet. Je nach Laune spottet er mehr oder weniger gut zurück. Am Wochenende war es wieder soweit, und der scheidende Bewohner des Weißen Hauses zeigte sich in Höchstform. Clinton veräppelte sich selbst in Form mehrerer Video-Szenen, die alle zu beschreiben vorgeben, wie es einem so geht am Ende einer Amtszeit. Da rollt Hillary in ihrer Senats-Limousine davon, Bill rennt ihr hinterher und wedelt mit dem Pausenbrot: "Schatz, Du hast Dein Sandwich vergessen!" Andere Einstellungen zeigen Clinton beim Scheren der Hecken im Rose Garden oder beim eigenhändigen Polieren des Präsidentenwagens. Abends, so entnimmt man der ungeschminkten Selbsteinschätzung, tappst der von Frau und Tochter alleingelassene erste Bürger der USA durch sein leeres Heim, klopft an allerlei Türen und fragt: "Jemand da?" Offenkundig nicht. Die reale Einsamkeit der Nachteule Clinton ist in Washington wohl bekannt. Im Scherz-Video für die Korrespondenten flüchtet sich der Präsident hinter seinem Laptop, auf dem ein großes Staatswappen prangt, und steigt in den Aktienhandel ein. Die Szene ist einem Werbestreifen für einen Online-Broker nachgestellt. Für all diese Amtsironie erhielt Clinton viel Beifall. Fernseh-Komödiant Jay Leno, der Gastgeber, wusste schon, warum er seinen Präsidenten bekniete, im Januar das Weiße Haus lieber nicht zu verlassen: Woher soll künftig der Stoff für seine Witze kommen?

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