• Das Wunder von Lengede: Der Überlebende Adolf Herbst erzählt von seiner Rettung

Das Wunder von Lengede : Der Überlebende Adolf Herbst erzählt von seiner Rettung

Das Wunder von Lengede jährt sich zum 50. Mal. Der heute 70 Jahre alte Adolf Herbst erzählt von seiner Rettung. Er war kein Bergmann, sondern Elektriker, der etwas reparieren sollte. Es war Zufall, dass er ausgerechnet an diesem Tag nach unten fuhr.

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Der 70-jährige Adolf Herbst zeigt ein Foto von seiner Rettung.
Der 70-jährige Adolf Herbst zeigt ein Foto von seiner Rettung.Foto: dpa

Nach sieben Tagen in völliger Dunkelheit, eingesperrt in 40 Metern Tiefe ohne Essen und ohne Hoffnung, beginnen die ersten Bergleute zu halluzinieren. Einer will ein heißes Bad nehmen und wälzt sich in einer Pfütze mit sieben Grad kaltem Wasser, ein anderer pflückt die Äpfel in seinem Garten. Tatsächlich steht er an einer Wand der kleinen, höchst einsturzgefährdeten Höhle und greift nach lockeren Steinen. Aufregung bei den anderen, Schreie. Sie reißen ihn weg. Zwischen den elf noch lebenden Bergleuten liegen bereits zehn Tote, erschlagen von herabfallenden Gesteinsbrocken. Jederzeit kann es den nächsten treffen. Einer beichtet seinen Kameraden geheime Liebschaften. Ein anderer spricht erstmals von den erlebten Grausamkeiten auf dem Russlandfeldzug. Der Jüngste der Schicksalsgemeinschaft, der 20-jährige Adolf Herbst, selbst gar kein Bergmann, hört zu und schweigt.

Das Wunder von Lengede: Adolf Herbst spricht über die dunkelsten Tage seines Lebens

50 Jahre nach dem Unglück in der Eisenerzgrube Lengede-Broistedt sitzt Herbst in einem warmen, lichten Wintergarten in einem Vorort von Hannover und spricht über die dunkelsten Tage seines Lebens. „Ich hatte zu 85 Prozent mit meinem Leben abgeschlossen“, erinnert er sich. „Ich war das schwächste Glied, komplett auf die anderen angewiesen.“ Gebetet habe er, Gott möge ihm ein neues Leben schenken. Dass es so weit kam, betrachtet Herbst noch immer als Zufall. Als Starkstrommonteur der Firma Siemens sei er erstmals unter Tage gewesen.

Er kennt sich nicht aus, fühlt sich verloren, rennt den anderen hinterher

Es ist der Abend des 24. Oktober 1963, über dem kleinen Ort Lengede bei Salzgitter in Niedersachsen liegt dichter Nebel. In der örtlichen Eisenerzgrube arbeiten die Bergleute in drei Schichten rund um die Uhr. 129 von ihnen sind um 14 Uhr mit dem rumpelnden Förderkorb in den Schacht Mathilde eingefahren, manche bis zur 60-Meter-Sohle, andere bis nach unten auf 100 Meter. Mit Sprengstoff jagen sie metallreiches Gestein aus dem Berg, Förderbänder schleppen es zutage. Adolf Herbst tüftelt in der Pumpenkammer. Sein Auftrag ist es, die Wasserpumpe mit einer Automatik zu versehen. Sie soll von allein anspringen, wenn wieder zu viel Wasser in die Grube gelaufen ist.

Bergleute und Helfer warten vor einem Bohrloch gebannt darauf, dass die Eingeschlossenen geborgen werden.
Bergleute und Helfer warten vor einem Bohrloch gebannt darauf, dass die Eingeschlossenen geborgen werden.Foto: dpa

Das Unglück beginnt mit einem Grollen. Um kurz vor 20 Uhr platzt die Dichtung eines Klärteichs, der direkt neben der Grube liegt. 500 000 Liter Wasser stürzen durch den vermeintlich abgedichteten Verbindungsschacht in das Bergwerk. Als die Bergleute begreifen, dass etwas nicht stimmt, schießt ihnen schon das Wasser um die Beine. Es steigt und steigt. Die Kumpel rennen um ihr Leben, dem Schein ihrer Grubenlampen hinterher. Dorthin, wo sie glauben, dem Wasser entkommen zu können, zu den wenigen Ausgängen aus dem Labyrinth.

Adolf Herbst fühlt sich verloren. Er kennt sich nicht aus, seine Grubenlampe hat den Geist aufgegeben. Verzweifelt rennt er einer Gruppe von Bergleuten hinterher. Die Flucht der 21 Männer endet erst einmal auf einem Gesteinshaufen umspült von tosendem Wasser. Der Pegel steigt und steigt. Es scheint eine Frage der Zeit, bis die Kumpel ertrinken. Da ruft einer: „Wir gehen in den Alten Mann.“ Alter Mann, so nennen die Bergleute ausgeweidete Stollen ohne Stützbalken, die nach dem Abbau des Erzes sich selbst überlassen werden. Dort hinein zu gehen ist lebensgefährlich. Auf allen vieren kriechen die Bergleute, mit ihnen Adolf Herbst, durch einen engen Schacht aufwärts. Sie erreichen eine kleine Höhle, an deren Eingang zwei Kumpel von Steinplatten erschlagen werden. Das Wasser kommt den Flüchtenden nach, macht aber am Eingang der Höhle Halt. Die Bergleute sitzen fest.

Es war die erste Rettung, die im Fernsehen übertragen wurde

Das Grubenunglück von Lengede ist nicht die verheerendste Katastrophe in der deutschen Bergbaugeschichte gewesen. Aber die späte Rettung bereits tot geglaubter Bergleute gilt noch heute als das Wunder von Lengede. In aller Welt erregte sie Aufsehen, weil erstmals Fernsehteams und Radioreporter live von der Unglücksstelle berichteten.

Am Tag nach dem Unglück beginnen Experten mit Suchbohrungen. Am 27. Oktober hat die sechste Suchbohrung Erfolg. In 79 Metern Tiefe, eingeschlossen in einer Luftblase, harren drei Bergleute aus. Ihre Bergung mittels Dahlbuschbombe durch ein Rettungsbohrloch mit Überdruck galt damals als technische Sensation. Das Prinzip wird bis heute angewendet, zuletzt 2010 bei der dramatischen Rettung von Bergleuten in Chile.

Zufälle führten dazu, dass der Bohrer an die richtige Stelle vordrang

Als in Lengede die drei Geretteten die Überdruckkammer verlassen, ist für die Betriebsleitung alles Erdenkliche getan. Sie lässt die übrigen 40 Bergleute für tot erklären und beraumt für den 4. November eine Trauerfeier an. Nur auf massiven Druck der Belegschaft hin lässt sich die Betriebsleitung dazu bewegen, zehn Tage nach dem Unglück eine letzte Suchbohrung zu starten. Was dann geschah, ging als Wunder von Lengede in die Geschichte ein. Am für aussichtsreich befundenen Ort kann nicht gebohrt werden, weil dort Bahngleise verlaufen. Die Bohrung wird um zwei Meter versetzt. Auf seinem Weg in die Tiefe wird der Bohrkopf stark abgelenkt, so dass er sein eigentliches Ziel um weitere zwei Meter verfehlt. Nur dadurch hat die Bohrung die richtige Höhle getroffen. Als die eingeschlossenen Bergleute mit Klopfzeichen auf sich aufmerksam machen, ist oben die Sensation perfekt. „Als der Bohrer in unserer Höhle landete, ist mein Puls von minus 100 auf plus 200 hochgeschossen“, sagt Adolf Herbst. Auf einem kleinen Tisch in der Ecke seines Wintergartens steht ein baugleiches Modell des Bohrkopfes – ein Geschenk des Bohrmeisters. Oben drauf hat Herbst eine rote Kerze gestellt.

14 Tage nach dem Grubenunglück konnten die elf Männer gerettet werden. „Ich bin als Vierter dran gewesen“, erinnert sich Herbst und holt ein Foto hervor, das ihn gestützt auf die Arme von zwei Rettern zeigt. Dann schaut Herbst hinüber zum Bohrkopf auf dem Tisch. „Die Kerze mache ich am 7. November an, da feiere ich Geburtstag.“

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