Welt : Daum-Affäre: Lauschangriff auf den ehemaligen Bundesliga-Trainer

Andreas Oswald

Als Angelika Camm die Tür öffnete, fiel ihr vor Schreck der Pudel aus dem Arm. "Löffelchen" heißt das Tier und kläffend lief es davon - zur Nachbarin. Die Lebensgefährtin Christoph Daums hatte sich in aller Frühe geschminkt und zurechtgemacht. Aber als es kurz vor acht klingelte, standen nicht die bestellten Handwerker vor der Tür, sondern die Drogenfahnder.

Nach der Durchsuchung von Daums Villa in Köln überschlugen sich am Wochenende in den Medien Meldungen, Fragen und Gerüchte. Hält sich Daum in Florida auf oder in einer Schweizer Klinik? Hat er sich in den Niederlanden einer - negativ verlaufenen - Haaranalyse unterzogen, bevor er sich zu einer neuen bereit erklärte? Lieferte ihn sein Freund Calmund ans Messer? Steht Daum auf der Kundenliste von Kokaindealern? Nötigte Daum eine türkische Geliebte, dass sie abtreibt? Setzt sie ihn jetzt mit dieser Geschichte unter Druck?

Die Durchsuchung in Daums Villa in Köln geschah auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft in Koblenz. Die Behörde hat gegen den ehemaligen Bundesliga-Trainer ein Ermittlungsverfahrenen wegen Drogenbesitzes eingeleitet. In diesem Zusammenhang wurden am Freitag auch zwei mutmaßliche Drogen-Dealer im Alter von 39 und 54 Jahren von der Polizei verhaftet. Der Koblenzer Leitende Oberstaatsanwalt Erich Jung erklärte, gegen Daum, der sich angeblich derzeit in Florida aufhält, werde schon seit "etwa 14 Tagen" wegen Drogenbesitzes ermittelt. Das Verfahren der Koblenzer wurde also bereits vor der Bekanntgabe der Haaranalyse eingeleitet. Der Verdacht gegen Daum, so Jung, hätte sich bei Ermittlungen gegen eine Gruppe von Drogen-Dealern ergeben, die sich im Raum Köln-Aachen sowie in Rheinland-Pfalz bewegt habe. Es werde aber gegen Daum nicht wegen Drogenhandels ermittelt.

Laut "Spiegel" ging Daum durch eine Telefonüberwachung ins Netz. Die Protokolle der Gespräche, so ein Fahnder, "füllen ein paar Aktenordner". Bei der Auswertung sei auch Daum als Gesprächspartner der Dealer aufgefallen. Das Gerichtsmedizinische Institut in Köln stellte nach Informationen des "Spiegel" bei Daum einen Kokain-Parameter fest, der um gut das 60fache über dem eines drogenfreien Menschen liegt.

Bayer-Finanzmanager Wolfgang Holzhäuser erklärte laut Sport-Informations-Dienst, Polizei und Staatsanwaltschaft hätten in der Trainerkabine "nur nach privaten Dingen" gesucht. Die Fahnder tauchten auch bei einer Computerfirma in Köln auf, an der Daum beteiligt sein soll. Neben der Villa von Daum wurden am Freitag sieben weitere Wohnungen in Köln-Aachen sowie Rheinland-Pfalz unter die Lupe genommen.

Daum selbst soll sich entgegen der bisher von Bayer Leverkusen verbreiteten Nachricht nicht im US-Bundesstaat Florida, sondern in einer Schweizer Klinik aufhalten. Das berichtete das staatliche italienische Fernsehen Rai 1 am Freitag in einer Meldung in seinem Videotext. Bisher hatte auch Bayer-Manager Reiner Calmund, der in regelmäßigem Telefonkontakt mit Daum steht, stets von Florida als derzeitigem Aufenthaltsort gesprochen. Im fernen USA will sich der 47 Jahre alte Daum angeblich dem Wirbel entziehen, den seine positive Haaranalyse und seine Entlassung als Trainer von Bayer Leverkusen in Deutschland ausgelöst haben. Nach bisherigen Informationen soll Daum im Haus eines Calmund-Freundes in Naples Unterschlupf gefunden haben. Es soll sich laut Informationen der "Bild"-Zeitung um die 2,5 Millionen Mark teure Villa von Gerrit Niehaus handeln. Der Unternehmer, bis 1996 Verwaltungsratsmitglied bei Eintracht Frankfurt, ist freundschaftlich mit Calmund verbunden und lebt seit vier Jahren in Naples.

Sollte Daum in Florida sein, stellt sich die Frage, ob er bei der Einreise in die USA die Frage nach der Drogensucht auf dem Einreiseformular falsch ankreuzte. In diesem Fall könnte dies für ihn juristische Konsequenzen auch in den USA haben.

Haaranalyse in Holland

Daum scheint weiter von seiner Unschuld überzeugt zu sein. "Er streitet weiter alles ab. Er sagt, er sei völlig clean", erklärte Bayer-Manager Reiner Calmund gegenüber dem Internet-Dienst Sport1. Calmund bestätigte außerdem, dass sich die Beziehung zwischen ihm und Daum abgekühlt habe. Der Ex-Trainer akzeptiere zwar, "dass ich ihm bei seinem USA-Aufenthalt hilfreich zur Seite stehe", zugleich fühle dieser sich aber offenbar von seinem Ex-Klub im Stich gelassen.

"Er hat erwartet, dass wir die zweite Probe abwarten, und die erste zuerst einmal in die Schubladen hätten legen müssen", sagte Calmund und fügte hinzu: "Er macht uns den Vorwurf, weil er meint, dass wir nach vier Jahren sensationeller Zusammenarbeit anders hätten handeln müssen." Die unterschiedlichen Ansichten hätten, so der Leverkusener Manager, dazu geführt, dass zwischen ihm und Daum mittlerweile "ein gewisses Spannungsfeld" existierte, im Gegensatz zu den ersten Tagen telefoniere man "jetzt nicht mehr täglich".

Gegenüber dem Kölner "Express" sagte Calmund einen Satz, der deutlich macht, was Calmund von Daum hält: "Ich bin nicht so naiv, dass ich mich auch nur ein Mal auf ein Ehrenwort von Daum verlassen hätte, auch nicht vor der Haaranalyse." Calmund zitierte gegenüber dem "Express" Daums Verschwörungstheorie. Danach soll Daum gesagt haben: "Hier sind Mächtige am Werk. Wenn die so mächtig sind, dass sie an meiner Haaranalyse was drehen, dann ist für mich auch ein Aufenthalt in Deutschland nicht mehr möglich. Die sind zu mächtig".

Das Festhalten von Daum an einer Verschwörungstheorie ließe sich mit einer anderen Haaranalyse erklären, die der 47-Jährige noch vor der Untersuchung am Rechtsmedizinischen Institut in Köln in Auftrag gegeben haben soll. Wie "Bild" berichtet, habe sich Daum, ehe er am 9. Oktober seine Bereitschaft zur Haaranalyse öffentlich erklärte, vorab in einem niederländischen Labor testen lassen. Das Ergebnis der Untersuchung sei negativ gewesen und habe den Trainer veranlasst, sich sicher zu fühlen.

Calmund konnte den Bericht nicht bestätigen, erklärte aber: "Vieles wäre mir logischer, was mir jetzt unlogisch erscheint". Der Manager hatte sich wie viele andere gefragt, was Daum dazu bewogen hatte, sich freiwillig der Haaranalyse in Köln zu unterziehen. Der zuständige Professor Herbert Käferstein bestätigte unterdessen zum wiederholten Male, sein Institut sei zu "einem klaren Befund" bei der Analyse gekommen. Nach welchen Methoden ein kommerzielles Labor im Ausland arbeite, könne er nicht sagen. Das Niederländische Gerichtsmedizinische Institut in Rijswijk bei Den Haag erklärte gegenüber dem Sport-Informations-Dienst durch einen Sprecher, es gebe in den Niederlanden "ein paar Labors und Institute an Universitäten", von denen "nicht bekannt sei", ob sie nach den international gängigen Standards arbeiten würden. Das Institut in Rijswijk und das Kölner Institut täten dies.

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