David Kellermann : Der Banker ist tot

Wenn er auch ein Star des Bankgewerbes war, David Kellermann war kein Mann der großen Schlagzeilen. Bis zu diesem Mittwoch, als sich der Finanzchef des amerikanischen Hypothekengiganten Freddie Mac das Leben nahm. Über den Grund für den Freitod wird nun heftigst spekuliert.

Rita Neubauer
Kellermann
David Kellermann -Foto: dpa

Haben die öffentlichen Hasstiraden gegen Finanzhaie Kellermann zu diesem Schritt getrieben? Freddie Mac, das mehr als 13 Millionen Hypotheken im Land finanziert, gilt in den USA als Ground Zero eines Kapitalismus, der wegen seiner maßlosen Zockerei nur noch durch Verstaatlichungen gerettet werden kann. Haben Kellermann aufdringliche Reporter verstört, die vor seinem Haus in Vienna im Bundesstaat Virginia erschienen und nach Bonuszahlungen fragten? Haben ihn Todesdrohungen, wie sie andere Manager erhielten, so unter seelischen Druck gesetzt, dass er keinen anderen Ausweg sah? Eine private Sicherheitsfirma soll immerhin sein Haus bewacht haben.

Oder fürchtete Kellermann die Staatsanwaltschaft? Denn seit März ermittelt diese angeblich gegen seinen Arbeitgeber. Freddie Mac wie auch das Schwesterinstitut Fannie Mae, die beiden größten Hypothekenfinanzierer der USA, standen im vergangenen Jahr vor dem Kollaps und mussten vom Staat gerettet werden. Die Staatsanwaltschaft in New York und Virginia, wo sich der Firmensitz befindet, als auch die Security Exchange Commission forderten Buchführungsakten an. Der Zeitraum, der die Behörden besonders interessiert: die vergangenen acht Monate seit der Verstaatlichung.

Seit September ist Kellermann als Chief Financial Officer im Amt und stand damit im Zentrum der Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Freddie Mac, wann immer es um die zukünftige Unternehmensführung ging.

Zu all dem mag der zusätzliche Stress durch die Bonizahlung von über 850 000 Dollar gekommen sein. Denn wie mehr als 7600 Mitarbeiter erhielt auch Kellermann trotz der Krise eine Geldleistung. Die erste Rate über 170 000 Dollar war im Dezember ausbezahlt worden, die nächste wäre im August fällig gewesen. Diese Prämien in einer Gesamthöhe von 210 Millionen Dollar stießen in der Öffentlichkeit auf heftige Kritik. Verantwortliche verteidigten sie jedoch damit, dass man Humankapital, sprich fähige Mitarbeiter, halten wolle. Es ist eine Ironie, dass die Brandstifter vor der Krise jetzt als Feuerwehrleute tätig sind. Die fähigen Leute werden weiter gebraucht, wie nach Revolutionen oder dem Untergang von Unrechtsstaaten. Auch Kellermann gehört zu diesen fähigen Leuten. Er hatte nicht nur einen guten Ruf unter Kollegen und galt als integer. Er war einer der Stars bei Freddie Mac, wo er sich vom einfachen Finanzanalysten in 16 Jahren zum Finanzchef hochgearbeitet hat. Er verbrachte viele zusätzliche Stunden an seinem Arbeitsplatz und schmiss auch dann nicht hin, als um ihn herum Kollegen reihenweise von Vorwürfen in der Presse geplagt oder von Schuldgefühlen zermürbt ihre Kündigung einreichten.

Doch auch er schien mitgenommen und hatte Gewicht verloren, wie Nachbarn im Fernsehen berichteten. Der Vater einer Fünfjährigen und passionierte Gärtner musste zusätzlich selbst einen herben finanziellen Verlust durch die Finanzkrise hinnehmen. Die 38 861 Freddie-Aktien in seinem Portfolio waren zuletzt noch 33 400 Dollar wert. Vor einem Jahr stand ihr Wert noch bei einer knappen Million.

Kellermann wäre nicht das erste Opfer der Finanzkrise. In den vergangenen Wochen machten wiederholt „Ökonozide“ Schlagzeilen. So werden Gewalttaten genannt, deren vermeintliche Auslöser eine persönliche Krise wie Jobverlust oder Zwangsversteigerung sind. Erst diese Woche tötete ein hoch verschuldeter New Yorker Anwalt seine Frau und seine beiden Töchter. „Ökonozide“ sind nicht auf die USA beschränkt. Vergangenen Dezember tötete sich Thierry Magon de la Villehuchet, ein französischer Finanzmanager, der aufgrund des Schneeballsystems des US-Betrügers Bernie Madoff eine Milliarde Dollar seiner Klienten verlor. Der deutsche Milliardär Adolf Merckle warf sich im Januar vor einen Zug. Er hatte sich im Zuge der geplanten Übernahme von VW durch Porsche mit Aktien verzockt. Nachträgliche Ironie: Auch Porsche hat sich verzockt und wird jetzt vielleicht von VW übernommen.

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