Debatte um Nordkorea-Satire "The Interview" : Das geplatzte Interview

Nach Terrordrohungen zieht Sony Pictures seine Nordkorea-Satire "The Interview" weltweit aus den Kinos zurück. Ein bisher einmaliger Vorgang.

von und Mattes Lammert
Filmplakat von "The Interview".
Sony hat den für 25. Dezember geplanten Filmstart con "The Interview" mit James Franco und Seth Rogen gecancelt.Foto: dpa

Schon die Werbung ist unmissverständlich: „Von den westlichen Kapitalistenschweinen aus ,Bad Neighbours’ und ,Das ist das Ende’ “ steht da in großen Lettern über dem Filmtitel. „The Interview“, ab Weihnachten im Kino? Daraus wird nichts: Sony Pictures zieht die Nordkorea-Satire mit Seth Rogen und James Franco komplett zurück, in den USA und weltweit, nachdem der Konzern es den Kinos zunächst freigestellt hatte, die Komödie zu zeigen.

Vorausgegangen waren Terrordrohungen an die Kinos seitens der bislang unbekannten Hackertruppe „Guardians of Peace“. Und, bereits im November, eine massive Cyberattacke auf Sony. Filme wurden geleakt, interne Mails veröffentlicht („untalentierte, verzogene Göre“: Produzent Scott Rudin über Angelina Jolie), sensible Firmendaten gestohlen. Darunter Sozialversicherungsnummern von 47 000 Personen sowie persönliche Daten von Stars wie Silvester Stallone. 2011 war Sony schon einmal gehackt worden, von einem Kollektiv namens „Anonymous“, damals wurden 77 Millionen Kundendaten gestohlen. Der jetzige Angriff übertrifft aber wohl alle bisherigen Cyberattacken auf Konzerne.

Größere Kinoketten hatten angekündigt, "The Interview" nicht zu zeigen

Nachdem größere Kinoketten angekündigt hatten, dass sie „The Interview“ nicht zeigen würden, hat Sony die Reißleine gezogen. Die Columbia-Produktion „The Interview“ (dem Konzern gehört auch Columbia) kommt nicht ins Kino. „Wir sind zutiefst traurig über das unverschämte Bestreben, die Verbreitung eines Films zu verhindern und auf diese Weise unserer Firma, unseren Angestellten und dem amerikanischen Publikum zu schaden“, schreibt Sony. Man respektiere und verstehe die Entscheidung der Kinos und teile ihr Interesse an der Sicherheit der Angestellten und der Kinobesucher.

„Denkt an den 11. September 2001“: Eine Hollywood-Produktion wird wegen einer anonymen Drohung im Internet zurückgezogen, das gab es noch nie in der Geschichte des Kinos. Dabei besteht Uneinigkeit darüber, wie ernst die Terrordrohung zu nehmen ist. Auch ist nicht klar, ob sie im Zusammenhang mit Nordkoreas schon im Sommer geäußerter Beschwerde über den Film bei den UN steht. So berichtet die „New York Times“ ebenso wie CNN mit Verweis auf anonyme Informanten, die US-Regierung gehe davon aus, dass das kommunistische Land hinter dem Hackerangriff vom November steckt – was die Vermutung nahe legt, dass auch die Terrordrohung gegen die Kinos von Nordkorea lanciert wurde.

Gestritten wird darüber, ob Nordkorea an den Attacken beteiligt ist

Das renommierte Technologie-Magazin „Wired“ kommt dagegen zu dem Schluss, es gebe keine stichhaltigen Beweise für eine Beteiligung Nordkoreas. Zwar wurden einige der Hacker-Codes auf einem Computer mit koreanischer Spracheinstellung geschrieben. „Wired“ zufolge kann dies jedoch ein für Hacker typisches Ablenkungsmanöver sein, man solle dies deshalb nicht überbewerten. Barack Obama hatte am Mittwoch gesagt, den Sony-Hack vom November nehme man „sehr ernst“, der Fall werde untersucht. Die Terrordrohungen bezeichnete er aber als „nicht glaubwürdig“. „Zum jetzigen Zeitpunkt empfehle ich, dass die Leute ins Kino gehen sollen“, sagte der US-Präsident im TV-Sender ABC.

Worum geht es in „The Interview“? Zwei Journalisten, der Moderator der TVShow „Skylark Tonight“ Dave (James Franco) und Aaron, der Produzent der Show (Seth Rogen), bekommen die Chance, Kim Jong Un zu interviewen. Nordkoreas Machthaber ist ein großer Fan ihrer Show. Der CIA schaltet sich ein, die beiden sollen Kim Jong Un bei ihrem Besuch in Pjöngjang töten. Dem Trailer und ersten Rezensionen zufolge (Previews der Buddy-Komödie unter Regie von Evan Goldberg gab es unter anderem in L.A.) handelt es sich um eine Politklamotte, in der auch Amerika sein Fett abbekommt.

Dave und Aaron sind nicht die Hellsten (Werbeslogan: „Der CIA wollte Bond, er bekam Rogen und Franco“). Beim Trip ins „gefährlichste Land der Welt“ amüsiert sich das Duo köstlich, kurvt nachts in einem klapprigen Panzer mit dem Diktator durch Pjöngjang – „mit Drogen, Prostituierten und Katy-Perry-Songs“, wie der „Guardian“ schreibt. „Geschmacklos, analfixiert, aber amüsant“, so die britische Zeitung. Das Stadtmagazin „Time Out“ nennt „The Interview“ eine Kreuzung aus „Der große Diktator“ und „Inglorious Basterds“.

Anschläge auf Kinos wegen missliebiger Filme hat es schon öfter gegeben, nicht jedoch eine Absetzung vorab. Zu den bekanntesten Fällen gehört der Brandanschlag auf das Pariser Kino St. Michel 1988, das „Die letzte Versuchung Christi“ von Martin Scorsese zeigte. Überall auf der Welt warfen erzkonservative Katholiken dem Film Blasphemie vor, in Paris kam ein Zuschauer ums Leben. 2012 erschoss ein Amokläufer bei der Mitternachts-Preview von Christopher Nolans Batman-Film „The Dark Knight Rises“ in Aurora, Colorado, zwölf Menschen und verletzte mehr als 70 weitere. Die US-Premiere wurde abgesagt, auch die Premieren in Frankreich, Mexiko und Japan wurden von Warner Bros. gecancelt.

Die Reaktion von Sony Pictures wird kontrovers diskutiert

Die Kunst ist frei, auch die Satire. Zumindest solange die Bedrohung nicht zu ernsthaft wird – oder die Angst zu groß. Über vorauseilende Rücksicht, die mangelnde Verteidigung der Meinungsfreiheit und die Angst als schlechter Motor wurde schon öfter erbittert gestritten. Freiheit oder Sicherheit: Darum ging es 1989 bei der Fatwa gegen Salman Rushdies „Satanische Verse“, 2005 beim Karikaturenstreit und 2006 in Berlin, als die damalige Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms, Hans Neuenfels’ „Idomeneo“-Inszenierung wegen Sicherheitsbedenken klammheimlich absetzte. Nach heftigen Protesten gegen die voreilige Selbstzensur kam die Oper wieder auf den Spielplan –mit der Szene, in der Buddha, Jesus und Mohammed der Kopf abgeschlagen wird.

Auch Sony wird nun von vielen Seiten kritisiert. „Ein unamerikanischer Akt der Feigheit, der Terroranschläge sanktioniert“, twittert der Talkmaster Jimmy Kimmel. Donald Trump schreibt auf Facebook: „Sony hat keine Eier“. Als einer der wenigen zeigt der Drehbuchautor Aaron Sorkin („West Wing“, „The Social Network“) Verständnis für den Konzern, dem nicht zuletzt auch die Medien mit der „moralisch verwerflichen" Veröffentlichung der geleakten E-Mails geschadet hätten. Inzwischen hat Sony bekannt gegeben, dass der Film auch im Rest der Welt nicht gestartet wird. (mit dpa)

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