Welt : Dem Ozean ausgeliefert

Wind und Wellen verhindern, dass Öl vom havarierten Frachter „Rena“ abgepumpt werden kann. Noch hält das Schiff, trotz Rissen

Alexander Hofmann[Sydney]
Eine Frage der Zeit Foto: REUTERS
Eine Frage der ZeitFoto: REUTERS

Neuseelands Umwelt wird immer massiver von einem „sterbenden“ Schiff bedroht. Auch zwei Wochen nach der Havarie des 236 Meter langen Frachters „Rena“ kämpfen Behörden und Helfer frenetisch darum, eine noch größere Umweltkatastrophe zu vermeiden. Nach Ansicht der Experten ist es nur eine Frage der Zeit, bis das riesige Schiff entzweibricht und weit mehr als 1000 Tonnen giftigen Schweröls das kristallklare Wasser an Neuseelands Nordostküste verpesten.

Am Dienstagnachmittag (Ortszeit) mussten wegen des schlechten Wetters erneut Versuche abgebrochen werden, die noch an Bord verbliebenen 1300 Tonnen äußerst zähflüssigen Öls abzupumpen. Winde mit Geschwindigkeiten von bis zu 40 Kilometern in der Stunde und vier Meter hohe Wellen machten es den Rettungscrews unmöglich, an Bord des auf dem „Astrolabe Riff“ gestrandeten Schiffes zu bleiben.

Der Treibstofftank wurde zunächst wieder versiegelt, die „Rena“ eine weitere Nacht sich selbst überlassen. Derzeit können die Spezialisten nur von Tag zu Tag vorausschauen, niemand wagt einzuschätzen, wie lange das 47 000-Tonnen-Schiff dem unbarmherzigen Ansturm des Meeres noch widerstehen kann. „Die nächsten 24 Stunden sind von enormer Wichtigkeit“, sagte Premierminister John Key, der sich am Dienstag erneut über die Rettungsmaßnahmen informierte.

Bis zum erneuten Abbruch der Rettungsarbeiten war es gelungen, 90 Tonnen des Öls abzupumpen und durch einen 7,5 Zentimeter dicken Schlauch auf die am Achterdeck vertäute Schute „Awanuia“ zu leiten. Das Öl ist so zähflüssig, dass pro Stunde lediglich drei bis vier Tonnen abgesaugt werden können. Der Chef der Abteilung Rettung der zuständigen Behörde Maritime New Zealand, Andrew Berry, sagte am Dienstag: „Jeder Tropfen, den wir von der Rena runterbekommen, ist ein Tropfen weniger, der möglicherweise in der Umwelt endet. Aber es kann ein langer, langsamer Vorgang werden.“ Das Schiff sei derzeit stabil und mit Rissen auf beiden Seiten, „aber es es hält immer noch zusammen“.

Fraglich ist, wie lange noch. Denn nicht nur das Öl, auch die an Bord befindlichen Container stellen eine Gefahr dar. Zwar enthalten nach Behördenangaben nur elf von ihnen giftige Chemikalien, aber insgesamt 1368 Container waren an Bord. Bisher sind 88 über Bord gegangen, mindestens 20 sind verschwunden, es ist unbekannt, ob sie gesunken sind oder möglicherweise auf der Meeresoberfläche treiben und eine latente Gefahr für die Schifffahrt darstellen. Die meisten Container enthalten Stückgut, Nahrungsmittel, manche auch Gefrorenes.

Bereits jetzt hat das Desasters schwere Auswirkungen auf die sonst so saubere Wasserwelt, die einer der großen Anziehungspunkte für die vom Tourismus und der Fischerei geprägte Küste rund 150 Kilometer entfernt von der Metropole Auckland ist. Hunderte freiwillige Helfer haben bisher schon fast 1300 ölverschmierte tote Vögel eingesammelt, gut 200 werden derzeit noch behandelt. Regierungschef Key besuchte am Dienstag ein Zentrum des Tierschutzverbandes, in dem die Vögel aufgepäppelt werden. Wegen des schlechten Wetters mussten sogar die Aufräumarbeiten an den betroffenen Stränden eingestellt werden, an denen Ölflecken angeschwemmt worden waren.

Rund um das havarierte Schiff ist eine weiträumige Zone eingerichtet worden, in der nicht gefischt werden darf, viele Fischer sitzen derzeit auf dem Trockenen und drehen Däumchen. Und dies ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Hummersaison. Die Regierung hat zwar Hilfe versprochen, diese könnte für viele dieser Kleinbetriebe, die oft nur über ein einziges Boot verfügen, aber schon zu spät kommen.

Das Unternehmen, das die in Liberia zugelassene „Rena“ gechartert hat, die Mediterranean Shipping Company, hat jetzt eine „freiwillige“ Zahlung von einer Million Neuseelanddollar (knapp 600 000 Euro) geleistet, um seinen guten Willen zu zeigen. Bisher hat die Bergungsaktion schon umgerechnet 2,3 Millionen Euro gekostet, sollte das Schiff tatsächlich auseinanderbrechen und das Öl ins Meer fließen, wird mit Kosten in Höhe von Dutzenden Millionen gerechnet.

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