Welt : Dem Sturm ins Auge

Wie Armeepiloten die Wirbelstürme analysieren

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Der Job ist nichts für schwache Nerven oder einen sensiblen Magen: Fast fünf Minuten dauert der HorrorFlug durch die riesigen Wolkenwände bis zum Auge von Monsterhurrikan „Wilma“. Die letzten zehn Kilometer peitscht der Regen immer härter gegen die Scheiben. Es wird immer dunkler und Turbulenzen schütteln das Flugzeug der „hurricane hunters“ so durcheinander, dass die sechsköpfige Besatzung mit aller Wucht in die Sicherheitsgurte geworfen wird. Plötzlich sackt die Maschine wie in einem Luftloch 100 Meter ab und der Magen meldet das „funny feeling“, ein komisches Gefühl. Das Herz rast. Nachdem das Flugzeug über 800 Meter Höhe verloren hat, hört von einer Sekunde zur anderen der Regen auf. Grelles weißes Licht blendet. Im Auge von „Wilma“ ist es wie in einem Brunnenloch – nur ragen ringsherum riesige Wolkenwände bis hoch in den blauen Himmel.

„Hurricane hunters“, Hurrikan-Jäger – das ist der Spitzname für die Besatzungen der 53. Wettererkundungsschwadron der US-Luftwaffe und der „National Oceanic and Atmospheric Administration“ (NOAA). Ihre Flieger waren die Ersten, die die Hiobsbotschaften der wilden „Wilma“ auffingen. Noch nie zuvor wurde mit 884 Millibar ein so niedriger Luftdruck in einem Hurrikan gemessen – dass „Wilma“ vor strotzender Kraft regelrecht explodieren würde, war klar.

Weil Satelliten nicht den Luftdruck in den riesigen Tiefdruckwirbeln messen können und Schiffe zu langsam und viel zu anfällig gegen Killerwellen sind, müssen die Daten von Flugzeugen gemessen werden. Sechs Mann Besatzung sind an Bord jedes Spezialflugzeuges vom Typ WC-130 Hercules. Ein Einsatz der Hurrikan-Jäger dauert im Durchschnitt elf Stunden. Bis zu vier Mal fliegt eine Crew dabei in das ruhige und sichere Auge.

Dort wirft sie ein halbes Kilogramm schwere Sonden ab, die alle Daten über Luftdruck, Temperatur, Luftfeuchtigkeit sowie Windgeschwindigkeit und -richtung an Bord zurückfunken. Alle 30 Sekunden haben die Meteorologen so einen kompletten neuen Wetterüberblick.

Die Idee für die Hurrikan-Jäger kam bei einer Wette: Armeefluglehrer Joe Duckworth flog im Juli 1943 an einem Tag gleich zwei Mal hintereinander todesmutig in das Auge eines Tropensturmes. Ein Besatzungsmitglied von 1946 erinnert sich, wie sein Sitz und Sicherheitsgurt in den Turbulenzen brachen und die Flugzeugflügel so verbogen wurden, dass die Maschine ausgemustert werden musste. Vier Flugzeuge stürzten seitdem ab, 36 Menschen kamen dabei ums Leben.

An Land waren aber auch die Hurrikan-Jäger dem Wirbelsturm „Katrina“ hilflos ausgesetzt: Viele verloren ihre Häuser. Und ihre Heimatbasis in Biloxi wurde derart zerstört, dass sie nach Arkansas und Georgia verlegt werden musste. dpa

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