Welt : Dem Trotz folgt Wut

Am dritten Streiktag der Busse und U-Bahnen sind viele New Yorker mit der Geduld am Ende

Walter Pfaeffle[New York]

Unter dem wachsenden Druck von Justiz und Öffentlichkeit haben die Beschäftigten des New Yorker Nahverkehrs ihren Streik nach drei Tagen beendet. Die 33 000 Angestellten hatten seit Dienstag die Arbeit niedergelegt, um gegen geplante Regelungen in einem neuen Tarifvertrag zu protestieren. Nach Angaben eines Vermittlers einigten sich die Gewerkschaft und die Nahverkehrsgesellschaft MTA auf weitere Verhandlungen, die Beschäftigten sollten dafür schon zur nächsten Schicht wieder arbeiten.

Die ersten zwei Tage hatten sich die New Yorker noch trotzig gegeben. Wir werden ihnen schon zeigen, aus welchem Holz wir geschnitzt sind, so Bürgermeister Michael Bloomberg nach Ausbruch des Streiks der öffentlichen Verkehrsmittel. Doch am Donnerstag, dem dritten Streiktag, setzt die Realität ein. Die Ruhe und Disziplin der Menschen, die bei Temparaturen unter null über die Brooklyn Bridge stapfen oder nach stundenlangem Warten in überfüllten Vorstadtzügen hin und her pendeln, sind aufgebraucht. Man beginnt sich Sorgen zu machen über die Zukunft. An jeder Straßenecke, in Büros und beim Einkaufen hört man von Leuten, die nicht zur Arbeit kommen können. An der East Side hängt im Fenster eines Friseursalons das Schild „Closed“. Die Mitarbeiter sind nicht erschienen.

Gegenüber beschwert sich ein Restaurantbesitzer, er hätte in den vergangenen zwei Tagen mehr Abbestellungen bekommen als im ganzen Jahr zuvor: „Die Woche vor Weihnachten ist bei uns die beste“, sagt Olga Diaz, Inhaberin eines Friseursalons nahe der Wall Street. „Wenn der Streik nicht wäre, würde ich 30 bis 40 Kunden bedienen; heute habe ich einen.“ Diaz beziffert ihren Verlust seit Wochenbeginn auf 3000 Dollar. Noch härter ist es für die Friseurinnen, die von Provisionen leben: „No work, no pay“, seufzt Maria Lozano. Keine Arbeit, kein Geld. Einzelhandel und Restaurants machten täglich etwa 40 Prozent weniger Umsatz, die Besucherzahl der Museen sei um 80 Prozent gesunken, rechnet Bloomberg vor.

Tausende Schulkinder bleiben zu Hause, denn die Eltern wollen nicht, dass sie Stunden in Schulbussen verbringen, die im Verkehr stecken bleiben. Auf den Straßen nimmt der Unmut zu. „Viele in unserem Land müssen härter arbeiten und für weniger Geld“, schimpft Salonbesitzerin Diaz, „die beschweren sich über ihre Gesundheitsfürsorge und die Altersversorgung. Viele Menschen haben weder das eine noch das andere, meine Mitarbeiter inbegriffen“.

Gewerkschaftsboss Roger Toussaint hatte die Verhandlungen platzen lassen. Über ein Gegenangebot, die Selbstbeteiligung an der Altersversorgung von zwei auf sechs Prozent zu erhöhen, ließ er nicht mit sich reden: „Nur über meine Leiche“, hat er Gouverneur Georges Pataki zugerufen. Wie die Flutkatastrophe in Louisiana hat auch der Arbeitskampf in New York eine Rassenkomponente: Die überwiegende Mehrzahl der in den Verkehrsbetrieben arbeitenden Menschen sind Schwarze und Latinos, während die Verhandlungsführer von Regierung und Behörden Weiße sind. Bloomberg hat die Gemüter erhitzt, als er sagte, die Gewerkschaftsbosse behandelten New York wie Dreck.

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