Welt : Dem Volk aufs Maul geschaut

Die Mehrheit der Deutschen glaubt, dass unsere Sprache immer mehr verkommt

Dorothee Nolte

Berlin - In einem Punkt sind die Deutschen wie die alten Griechen: Sie sorgen sich um ihre Muttersprache. Zwei Drittel sind der Auffassung, dass die deutsche Sprache „immer mehr zu verkommen“ drohe. Sogar die Mehrzahl der Jüngeren zwischen 16 und 29 Jahren sieht das so (53 Prozent). Das zeigt eine repräsentative Umfrage unter 1820 Personen über 16 Jahren, die das Meinungsforschungsinstitut Allensbach im Auftrag der Gesellschaft für deutsche Sprache erhoben hat. Besonders bedrohlich für die Sprache finden die Befragten: Es werde weniger gelesen als früher und zu viel ferngesehen – und der Einfluss anderer Sprachen auf das Deutsche nehme stark zu.

Englische Ausdrücke in der deutschen Sprache wie „Kids“, „E-Mail“ oder „chatten“ finden die meisten jüngeren Deutschen zwar nicht anstößig. Bei den älteren dagegen stören sich 68 Prozent daran: Für sie sind gerade die Anglizismen ein Indiz für den „Verfall“ der deutschen Sprache.

Die Klage über den angeblichen Verfall der Sprache gibt es allerdings, wie der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache, Rudolf Hoberg, bei der Vorstellung der Studie in Berlin sagte, „nicht erst seit den alten Griechen“: Schon die alten Ägypter – und zwar vor allem die älteren unter den alten Ägyptern – waren der Auffassung, die Sprache habe innerhalb ihrer Lebenszeit an Niveau verloren. Hobergs Fazit: „Sicherlich ist heute vieles schlecht. Das heißt aber nicht, dass früher alles besser war.“

Einiges war früher sogar schlechter. Zum Beispiel konnten im Jahr 1957 nur 36 Prozent der Bevölkerung das Wort „Lebensstandard“ richtig schreiben, heute sind es 56 Prozent. Das schwierige Wort „Rhythmus“ bringen heute 30 Prozent richtig zu Papier, 1957 waren es nur elf Prozent. Hauptsächlich liegt das am allgemein gestiegenen Bildungsgrad. Stichwort Rechtschreibung: 55 Prozent der Befragten sind gegen die Rechtschreibreform, und selbst von denen, die dafür sind, stimmen 54 Prozent der Aussage zu: „Durch die Rechtschreibreform weiß man bei vielen Wörtern gar nicht mehr, wie sie richtig geschrieben sind.“ Das will Germanist Hoberg jedoch nicht als Qualitätsurteil über die Reform gelten lassen: „Ich glaube, die Menschen hatten immer schon Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung und projizieren das auf die Reform – dabei sind davon nur zwei Prozent der Wörter betroffen.“

Überhaupt sehen die Forscher und professionellen Sprachpfleger der Gesellschaft für deutsche Sprache manches anders als die Bevölkerung: Sie möchten nicht von einem „Sprachverfall“ sprechen, und sie weisen darauf hin, dass die viel geschmähten Anglizismen nur ein Prozent unseres Wortschatzes ausmachen. In einem Punkt sind sich die Forscher mit 53 Prozent der Bevölkerung jedoch einig: Die deutsche Sprache sollte in den EU-Institutionen eine größere Rolle spielen.

Die Meinungsforscher haben auch nach „Tabuwörtern“ gefragt: Welche Wörter werden als abstoßend empfunden? Dabei kam unter anderem raus: „Ficken“ und „Krüppel“ empfinden mehr als 50 Prozent der Befragten als ärgerlich, vor allem Frauen (62 Prozent) möchten auch Wörter wie „Titten“ nicht hören. „Geil“ dagegen hat sich eingebürgert, nur 20 Prozent stören sich daran. Und das alte deutsche Wort „Scheiße“ erscheint beinahe geadelt: 63 Prozent geben unumwunden zu: „Das verwende ich selbst.“

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