Welt : Demographisches Großprojekt: Familien verstecken die Mädchen

Gabriele Venzky

Die dünne, etwas ärmlich gekleide Frau in ihrem Baumwollsari schiebt ihre Papiere zusammen und sagt abschließend: "Also neun Personen gehören zur Familie, ist das richtig?". Da tut sich die Tür auf, und ein halbwüchsiges, offensichtlich behindertes Mädchen an Krücken humpelt herein. "Und wer ist das?", fragt die Frau erstaunt. Verlegenheit auf den Gesichtern der Umstehenden, dann stottert der Vater: "Äh, das ist unsere Tochter". Musiktusch und eine Stimme aus dem Off: "Auch Behinderte sind Menschen, auch Frauen sind Menschen, auch sie gehören zu unserer Nation." Kurz vor den Nachrichten sendet das indische Fernsehen seit Wochen unermüdlich diesen Spot, in Hindi, in Englisch, in Tamil und in Bengali.

Denn derzeit findet das gigantischste bürokratische Unternehmen der Welt statt: Indien zählt seine Menschen. Fast zwei Millionen Volkszähler - die meisten sind dazu verpflichtete Lehrer - sind mit dicken Fragebögen unterwegs, um nun statistisch festzuhalten, was die Politiker herunterzuspielen suchen, aber die meisten Demographen mit großer Sorge beobachten: Indiens Bevölkerung wächst noch immer viel zu schnell.

Die erste Milliarde war im vergangenen Frühjahr voll, so die Vereinten Nationen, oder spätestens im August, so die peinlich berührte indische Regierung. Und jetzt bereitet man sich auf weitere unangenehme Überraschungen vor. Denn bei der letzten Volkszählung hat sich herausgestellt, dass vor allem in den Dörfern auf die Frage nach den Kindern nur die Zahl der Söhne und auf die Frage nach den Familienmitgliedern nur die Zahl der männlichen Familienmitglieder angegeben wurden. Mädchen und Frauen waren, da als minderwertig angesehen, schlicht verschwiegen worden. Das gleiche galt für die Behinderten. Darum nun der Spot: Versteckt sie nicht!

Unangenehme Überraschungen

Doch ob das etwas nützt, ist fraglich. In einem Land, in dem der weibliche Bevölkerungsanteil dramatisch sinkt, weil Mädchen erst gar nicht geboren oder gleich nach der Geburt getötet werden, weil Frauen unterversorgt und missachtet werden, weil sich an ihren Überlebenschancen aber auch nichts verbessert, wird auch diese Volkszählung zu keinen genauen Ergebnissen kommen, allenfalls vielleicht bei der Zahl der Toiletten und der Betten, die ebenfalls abgefragt werden.

In Kaschmir, wo schon im Januar gezählt wurde, weil man die Feuerpause in diesem Bürgerkriegsgebiet nutzen wollte, verweigerte die Bevölkerung die Zusammenarbeit mit den "Besatzern". In Gujarat, das seit dem Erdbeben vom 26. Januar in weiten Teilen zerstört ist, wird man noch lange keine Menschen zählen können. Und dann ist da noch die Khumb Mela mit ihren 80 bis 100 Millionen Pilgern, die zum Bad im Heiligen Ganges gekommen sind. Auch ein großer Teil dieser Menschen wird durch das Raster fallen, obwohl selbst bei dieser größten Versammlung der Menschheit die Volkszähler unterwegs sind.

Und sie sind unterwegs in den unübersichtlichen Slums der Städte, auf den Bahnhöfen und den Lumpenverschlägen auf den Gehwegen, überall dort eben, wo Menschen in Indien zu Millionen leben und kaum zu zählen sind.

Alle zehn Jahre, immer im Einser-Jahr, findet die Volkszählung statt. Nicht nur in Indien, sondern in allen ehemaligen britischen Kolonien, auch wenn man in manchen Staaten aus politischen Gründen, zum Beispiel in Pakistan, lieber mal ein oder zwei Volkszählungen ausfallen lässt. In Indien, das als erstes Land der Erde eine gezielte Familienplanung hatte, ist die Bevölkerungspolitik ein absolutes Fiasko, weil die Politik sich nicht an das heiße Eisen der Bevölkerungsbegrenzung wagt. So werden jede Minute 33 Kinder geboren, 2000 pro Stunde, 48 000 am Tag.

Wenn das so weitergeht, wird im Jahr 2051 Indien 1,646 Milliarden (doppelt so viele wie 1991), China 1,478 Milliarden Menschen haben. Noch katastrophaler sieht es im viel kleineren benachbarten Pakistan aus: von 142 Millionen im Jahr 1998 ein Sprung auf 345 Millionen im Jahr 2051.

Schon heute ist jeder sechste Mensch auf der Erde ein Inder. Wird es bald jeder fünfte sein? Gewiss, die Zuwachsraten sinken kontinuierlich, von 42 auf 27 pro Tausend in den letzten zwanzig Jahren. Aber in den indischen Bundesstaaten, die die meisten Menschen haben und die am rückständigsten sind, geht die Geburtenexplosion ungehemmt weiter. Bihar, Madhya Pradesh, Rajasthan und Uttar Pradesh machen allen Fortschritt anderer Bundesstaaten wieder zunichte. Der Grund: Der Mangel an Schulbildung und medizinischer Versorgung. In meisten Dörfern dieser sogenannten BIMARU-Staaten können in der Regel nicht mehr als drei oder fünf Prozent der Frauen lesen und schreiben.

So ist es nicht verwunderlich, dass der Fragebogen zur Volkszählung sich besonders ausführlich mit dem Thema Bildung beschäftigt. Doch auch dann, wenn in zwei, drei Jahren alles ausgewertet ist, wird es wohl wieder ein böses Erwachen geben: Denn auch Bildungspolitik gehört nicht zu den Prioritäten dieses Staates, der aufgrund seiner Milliarden-Bevölkerung den Anspruch erhebt, eine Supermacht zu sein.

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