Welt : Den Glauben verloren

Sie waren eine der größten Bands der vergangenen Jahrzehnte. Jetzt gehen sie getrennte Wege. Ein Nachruf auf R.E.M.

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Unverwechselbare Stimme. Michael Stipe, Frontman von R.E.M. Foto: dpa
Unverwechselbare Stimme. Michael Stipe, Frontman von R.E.M. Foto: dpaFoto: dpa

Es gibt ein Lied von R.E.M., in dem Sänger Michael Stipe 1986 vorweggenommen hat, wie er sich entscheiden würde, wenn es mal soweit kommen sollte, dass ihm keine Textzeilen mehr einfallen und sich in seinem Kopf nichts mehr zu einem guten Song fügen wollen. Das Lied hieß „Begin The Begin“. Und sein Vorschlag. Einfach wieder von Vorne anfangen. Mit dem alten Leben abschließen, um mit dem Beginnen zu beginnen.

So ist es jetzt auch gekommen. Und eine andere Wahl hatte die Band nicht, als sich zu trennen. In ihrer Entwicklung war sie längst an ein Ende gelangt. Sie hat Rock-Geschichte geschrieben, hätte sie von nun an ihr Erbe verwalten sollen?

Dabei mangelte es R.E.M. auch zuletzt nicht an Erfolg. Im Gegenteil. Vielleicht hatte das Trio zu viel davon, indem es den Siegeszug des College-Rock zur amerikanischen Mainstream-Kultur anführte und schließlich mit einer Musikwelt konfrontiert war, die sich so gravierend verändert hat, dass auch R.E.M nicht mehr folgen konnten. Anfang der 90er Jahre, als die Musikindustrie vor Kraft und Millionen-Umsätzen strotzte, haben Michael Stipe, Bassist Mike Mills und Gitarrist Peter Buck einen Vertrag über 80 Millionen Dollar unterschrieben. Es war der endgültige Abschied aus dem, was Musikliebhaber gerne als die bessere Hälfte der Popkultur betrachten: den Underground.

Los ging es 1980 im Studentenmilieu von Athens, Georgia. Twisted Kites nannten sie sich damals noch. „Murmur“, ihr Debüt, landete auf Anhieb in den Top 30 der US-Charts. Vor allem aber mit ihrem 1987 erschienenen Album „Document“ begann ihr Aufstieg in höhere Sphären der Popwelt. Auf diesem Album sind Stücke wie „The One I love“ oder der Klassiker „It’s The End Of The World As We Know It“. Es folgte der Wechsel zu einem großen Label und erste finanziell erfolgreiche Alben wie „Green“ oder „Out of Time“, auf dem auch „Losing My Religion“ zu finden ist. Der absolute Durchbruch war dann „Automatic for the People“. Es sollte das erfolgreichste Album werden – mit 18 Millionen verkauften Exemplaren.

Wirklich glücklich war die Band mit ihrer Entwicklung aber nicht. Das sollte ihr im Laufe der folgenden Jahre noch öfter passieren. Mit „Monster“ wollten sie zurück zur Ursprünglichkeit ihrer Musik: rauer, aggressiver, weniger poppig. Das Album war eine Hommage an den Schauspieler River Phoenix, der kurz vor der Veröffentlichung gestorben war. Und mit „Let Me In“ widmete Stipe auch Kurt Cobain ein Lied des Albums. Ein großer kommerzieller Erfolg war es nicht, hielt die Major-Labels aber nicht davon ab, R.E.M. einen Mega-Deal anzubieten – und die Band hielt es nicht davon ab, diesen auch anzunehmen. Für fünf Alben waren sie nun noch mal verpflichtet. Und sie hielten sich dran.

Mit „Adventures in Hi-Fi“ fanden sie noch einmal zu sich und zu alter Überzeugungskraft mit ihrer Mischung aus geradlinigem Rock, der immer wieder auch poppig daherkommt und dem unverwechselbaren Gesang von Michael Stipe. Vor allem aber seiner außergewöhnlichen Lyrik, die gut klingt, die aber kein Mensch versteht.

Danach versuchte die Band, sich mit Alben wie „Up“ und „Reveal“ weiter weg von einer Rockband hin zu einer Popband zu entwickeln. Zuvor war Schlagzeuger Bill Berry ausgestiegen – aus gesundheitlichen Gründen – das zwang die verbliebenen Drei zu einer neuen Sprache. Es gab immer wieder Streit um die Ausrichtung. Stipe verstand sich als intellektueller Kopf der Band. Einer Band, die auch als Sprachrohr des liberalen Amerika verstanden werden wollte. Als Rocksänger verstand er sich nicht. Gitarrist Peter Buck war der Lederjackentyp der Truppe. Er war es, der einfach nur Rockmusik machen wollte. Und Bassist Mike Mills musste zwischen den Fronten vermitteln.

Während R.E.M. an ihr vorletztes Album „Accelerate“ noch eine Tour anschlossen, waren sie dazu bei ihrem letzten Album „Collapse into now“ schon nicht mehr in der Lage. Stipe scheute wohl die harte Gangart auf einer Bühne ausfüllen zu müssen, zu der Buck ihn ein letztes Mal gedrängt hatte.

Nun gaben sie auf ihrer Homepage die Trennung bekannt. „Ich hoffe, dass unsere Fans verstehen, dass dies keine einfache Entscheidung war“, sagte Stipe. „Aber alle Dinge müssen enden, und wir wollten es richtig tun, auf unsere Weise.“

Die Geschichte dieser Band war auserzählt. Es gibt nicht die Notwendigkeit, ihr noch ein weiteres Album, einen Song oder auch eine Reunion hinzuzufügen. Was will man mehr?

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