Welt : Den Saft abgedreht

Warum in Südafrika oft stundenlang kein Strom fließt

Helmut Schneider

Michael Bevan hat nur durch Glück überlebt. Der 69-jährige Johannesburger lag gerade auf dem Operationstisch, als Südafrikas staatlicher Energiekonzern Eskom wieder einmal den Strom abschaltete. Licht und Apparaturen versagten ihren Dienst, bis sich das Notstromaggregat der Klinik einschaltete und die Ärzte die Operation fortsetzen konnten. Zur gleichen Zeit wurden Annalisa Sega ihr Volvo sowie Ringe, Brieftasche und das Handy gestohlen. Sie war auf der Straße vor ihrem Haus von Gangstern überfallen worden, die ihr eine Pistole an die Schläfe setzten, als sie feststellten, dass sich das automatische Tor zu ihrem Grundstück nicht öffnete, weil es keinen Strom gab.

All dies sind nur zwei Fälle von Hunderten. Stromabschaltungen in Afrikas entwickeltstem Land gehören mittlerweile zur Norm. Weil der Strom nicht für alle reicht, nimmt der staatliche Energieversorger Eskom Flächenabschaltungen vor. Stundenlang und zum Teil schon mehrfach am Tag bleiben Haushalte, Restaurants, Kliniken, Büros, Fabriken und Bergwerke ohne Elektroenergie. Ampeln fallen aus, so dass der Weg zur Arbeit bis zu drei Stunden dauern kann. Zu Hause funktionieren weder Kochherde noch Kühlschränke oder Fernseher. Viele Geräte gehen durch die ständigen Stromstöße kaputt. Der volkswirtschaftliche Schaden ist unermesslich. Und die Wut der Betroffenen noch viel größer. Als in Pretoria während des Berufsverkehrs Vorortzüge wegen Stromsperre auf offener Strecke stehen blieben, wurden sechs von ihnen von erbosten Passagieren in Brand gesetzt. Hunderte Touristen saßen vor einigen Tagen auf dem Tafelberg fest: Die Gondelseilbahn zum „Hausberg“ von Kapstadt stand wegen Stromausfalls mehrere Stunden still.

Dabei war seit einem Jahrzehnt absehbar, dass es zum Notstand in der Energieversorgung kommen wird. Denn das jährliche Wirtschaftswachstum beträgt rund fünf Prozent. Milliardensummen wurden in neue Großbetriebe investiert. Die Regierung drängte darauf, dass Millionen schwarze Haushalte in Townships und Dörfer an das Elektrizitätsnetz angeschlossen wurden. All dies verlangt immer mehr Strom. Doch neue Energieprojekte wurden immer nur erörtert und verkündet, nicht aber in die Tat umgesetzt. Die Regierung verweigerte Eskom sogar die notwendigen Investitionssummen für die Erweiterung der Stromversorgung, wie Präsident Thabo Mbeki jetzt kleinlaut eingestand.

Zugleich wurden die bisherigen weißen Manager durch meist unerfahrene Schwarze ersetzt. Die notwendige Wartung der vorhandenen Anlagen wurde vernachlässigt. Schon im vorigen Jahr kam es vor allem in Spitzenzeiten des südafrikanischen Winters zu Flächenabschaltungen. Doch nun bricht das System völlig zusammen. Seit Mitte Januar dominiert das Chaos. Jeden Tag gibt es im ganzen Land stundenlange regionale Abschaltungen. Einziger Kommentar der Eskom-Führung: Daran werde sich die Bevölkerung gewöhnen müssen, am Status quo werde sich in den kommenden sieben Jahren nichts ändern. Erst 2012 kommt das erste neue Kohlekraftwerk ans Netz, danach dann weitere. Auch Atomkraftwerke sind geplant.

Die Auswirkungen für die südafrikanische Wirtschaft und Gesellschaft werden problematisch sein. Schon jetzt beklagen Agrarunternehmen, dass sie ihre Exportaufträge in die Europäische Union verlieren könnten, da die von Brüssel verlangte garantierte Kühlkette für Obst und Gemüse nicht mehr gewährleistet werden kann. Helmut Schneider

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