Welt : Den Schmerz bewältigen

Wie Angehörige mit der Trauer um einen geliebten Menschen umgehen können.

Zuspruch ist wichtig. Hinterbliebene sollten nicht nur rund um die Bestattung getröstet werden. Während des ersten Trauer-Jahres sollten Menschen um sie sein, die signalisieren: „Ich bin für dich da.“ Foto: Panthermedia
Zuspruch ist wichtig. Hinterbliebene sollten nicht nur rund um die Bestattung getröstet werden. Während des ersten Trauer-Jahres...Foto: PantherMedia /

Der Verlust eines geliebten Menschen führt immer in einen Ausnahmezustand. Susanne Springer, die vor zwei Jahren ihren Vater verloren hat, denkt zurück an die schweren Wochen nach seinem Tod: „Ich saß stundenlang bei Kerzenlicht in meinem Sessel. Ich hielt ein Foto in der Hand und erinnerte mich an unsere Familienfeste, an Weihnachtsabende oder an gemeinsame Spaziergänge im Wald hinter unserem Haus. Ich zog mich völlig zurück, weil mich jeder Kontakt und jedes Gespräch mit Freunden oder Arbeitskollegen enorm anstrengte und mir absolut nichtig vorkam.“

Der Jurist Tobias Richter ging völlig anders mit seinem Verlust um: „Ich erfuhr durch einen Anruf von dem tödlichen Unfall meines Bruders. Ich mochte ihn sehr. Aber ich hatte ihn über Jahre nur selten gesehen, weil er als Ingenieur viel im Ausland gelebt hatte. Dieser Umstand half mir, meinen Alltag weiter zu leben. Der Tod meines Bruders riss einfach keine Lücke in mein Leben. Ich machte meinen Job und funktionierte weiter. Ich muss sagen, dass mir vor allem diese Routine bei der Bewältigung der Situation half.“

Claudia Menzel musste nach dem Tod ihres Freundes mit einem monatelangen Wechsel von Trauer und Euphorie leben: „Auf der einen Seite war ich oft wie gelähmt und verbrachte ganze Wochenenden heulend im Bett. Dann habe ich mich zusammengerissen, bin mit meiner Freundin in einen Club gegangen und habe die halbe Nacht durchgetanzt. Ich war extrem instabil und schwankte zwischen Haltlosigkeit und der starken Sehnsucht nach einem normalen Leben.“

Wie intensiv die Trauer ist und wie lange sie dauert, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch sehr stark. Mancher erlebt seinen Schmerz geradezu physisch und ist unfähig, seinen Alltag weiter zu leben. Bei anderen Menschen fällt die Trauer verhältnismäßig milde aus und ist eher ein trüber Schleier über ihrem normalen Leben. Nur eine Minderheit spürt selbst nach Monaten oder gar Jahren kein Nachlassen des Leides. Wie tief der Schmerz reicht, ist immer eine Frage der Verbundenheit mit dem Toten. Auch die psychische Disposition des Trauernden oder sein Rückhalt in der Familie spielen eine Rolle bei der Bewältigung eines Todesfalles. Und natürlich ist es wichtig, ob der Tote unerwartet, sehr jung oder im hohen Alter gestorben ist. Ein Kind zu verlieren, ist beinahe unerträglich. Einen jungen Partner zu verlieren ist hart. Der Verlust eines sehr alten Menschen ist immer noch schmerzlich, aber einfacher zu akzeptieren und damit zu ertragen.

In den 1970er Jahren glaubte die Forschung mit der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross an der Spitze, Trauer verlaufe durch immer gleiche Phasen. Zuerst erlebe der Trauernde eine Art Fassungslosigkeit, dann folge ein Gefühlschaos, danach die langsame Akzeptanz des Geschehens und zuletzt die schrittweise Rückkehr in den Alltag.

Heute beobachten die Forscher bei Trauernden zwei parallel laufende Prozesse: Auf der einen Seite schauen sie zurück in die Vergangenheit und erinnern sich an das Leben mit dem verlorenen Menschen. Auf der anderen Seite suchen sie nach einem neuen Leben ohne die geliebte Person und wenden sich Gegenwart und Zukunft zu.

Früher haben beim Prozess der Bewältigung Rituale wie die schwarze Kleidung, das Trauerjahr und die Kondolenzbesuche geholfen. Aber diese psychischen Stützen sind im Lauf der Jahrzehnte weggebrochen. Heute bleibt als Ritual eigentlich nur die Beerdigung. Hier kommen oft Hunderte von Angehörigen, Freunden und Bekannten zusammen. Selbst Menschen, die nicht mehr viel mit der Kirche zu schaffen haben, suchen Trost in der urchristlichen Zeremonie. Für die Atheistin Claudia Menzel war die Feier enorm wichtig: „Mein Freund ist in seinem Heimatort beerdigt worden und es war irgendwie enorm tröstlich, so viel Mitgefühl und Respekt zu erfahren. Das wäre in Berlin nicht so gewesen.“

Die Trauer hat auch viele Facetten: Kummer und Sehnsucht, Verdrängung und Ablenkung, Hoffnung und den Blick nach vorne. Susanne Springer litt nicht nur an der Trauer um ihren Vater, sondern musste sich auch mit der Ignoranz mancher Freunde auseinandersetzen. „Ein Kollege, mit dem ich etwas trinken ging, sagte doch tatsächlich nach ein paar Wochen, es sei an der Zeit, dass ich mich zusammenreiße. Der Tod kann einen sehr einsam machen. Das ist sicher.“

Mehr Verständnis fand sie in einer über das Internet gefundenen Gruppe von Frauen, die eine ähnlich enges Verhältnis zu ihren Vätern hatten wie sie. Tobias Richter spendete sein Erbe für ein indisches Waisenhaus, weil sein Bruder das Land so geliebt und viele Male bereist hatte. Claudia Menzel fand Zuversicht in einer neuen Beziehung: „Ich werde Rainer niemals vergessen. Aber ich denke heute ohne Trauer an ihn. Wir hatten gute Zeiten. Aber das Leben geht weiter.“

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